Bevor das Gespräch für dieses Porträt beginnt, reißt Christoph Busch das Fenster auf. Da steht einer, vor dem Kiosk, der guckt. Seine Geschichte verlieren, nur weil ein Reporter im Kiosk sitzt? Nein, das wäre unhöflich – der Geschichte gegenüber.

Busch ist der Mann, der in der U-Bahn-Station Emilienstraße den Zuhörkiosk betreibt. Der, ganz genau, einfach zuhört. Allerorts ist über ihn berichtet worden, keine Zeitung, die Busch nicht auf ihren Seiten hatte. Ein halbes Jahr wolle er bleiben, erzählte er stets; so lange würde er brauchen, um genug Geschichten zu sammeln, die ein Buch füllen. Und danach finis. Aber jetzt, es wird kalt im Bahnschacht, sind elf Monate über die Gleise gezogen, und er sitzt immer noch hier unten. Hat die Miete verlängert und weitere Zuhörer gefunden. Es geht nicht mehr um das Buch. Das Zuhören ist zum eigentlichen Projekt geworden.

Aber natürlich ist es ganz falsch, über diesen Mann zu reden, natürlich muss man mit ihm reden. Am besten setzt man sich in seinen Kiosk und tauscht die Rollen. Lässt ihn, der immer die Fragen stellt, antworten. Hört ihm, der immer zuhört, zu. Dialog, Erkenntnis, Hilfe, darum geht es Busch. Die Besucher ein bisschen glücklicher gemacht zu haben, bevor sie wieder gehen. Gar nicht so unbequem, der Sitz, gar nicht so schlecht, die Sicht. Im Sandwich der Gleise. Hüfthöhe U-Bahn-Welt. Guter Soundtrack aus Waggongeratter und Bremsfalsett, Windzug und Durchsagekrächzen, eine Insel im Meer der Gesichter, akustischer Kokon auch. Doch, hier kann man ins Reden kommen. Nur wie?

Herr Busch, was fragt man hier als Erstes?

"Ich warte erst mal ab. Und dann reichen einfache Fragen. Wie geht es Ihnen? Sind Sie glücklich? Da kommt was ins Rollen."

Wie hören Sie zu?

"Ganz viel passiert mit den Augen. Empathie heißt, die Geschichte zu teilen. Ich lasse mich darauf ein, wahre keine professionelle Distanz. Das merken die Leute, das befreit viele."

Anfangs wollte Busch Themen vorgeben, die Gespräche strukturieren. Auch aus Angst vor dem Schweigen, vor Dingen, die ihn überfordern könnten. Funktionierte aber nicht.

Viele fangen vorsichtig an zu reden, tastend, als wollten sie herausfinden, ob der Mann, dem sie gegenübersitzen, ihre Geschichte überhaupt verdient. Und Busch, 72, sitzt das aus. Wird nie ungeduldig, drängelt nicht. Wenn seine Gegenüber nicht erzählen, erzählt erst mal er aus seinem Leben. Der Kiosk als Beichtstuhl, gesicherter Raum. Die Menschen berichten von Träumen, die zerplatzt sind. Von Problemen, Ärgernissen, Leiden. Leben rauf und runter, so nennt Busch das. Meistens aber runter. Biografischer Bodensatz. Kündigung. Einsamkeit. Kaputte Liebe. Suizidgedanken.