Ahmad Mansour, 1976 als Sohn arabischer Israelis geboren, kam vor 15 Jahren nach Deutschland. Der Psychologe setzt sich seit Langem gegen Radikalisierung im Namen des Islams ein. Er berät Familien junger Salafisten, betreut muslimische Gefangene und gibt Integrations-Workshops. Sein neues Projekt zur Extremismusprävention heißt "Mind Prevention". Soeben erschien von ihm im S. Fischer Verlag "Klartext zur Integration – Gegen falsche Toleranz und Panikmache".

DIE ZEIT: Herr Mansour, Sie kommen aus Israel, einem Land, das so gespalten ist, dass Sie es dort nicht mehr ausgehalten haben. Wie geht es Ihnen gerade mit Deutschland?

Ahmad Mansour: Sehr schlecht. Ich habe das Gefühl, dass man sich hier zunehmend schwertut, Debatten um emotionale Themen sachlich zu führen. Seit 2015 mein Buch Generation Allah erschien, in dem ich erkläre, dass der Islam eine Mitverantwortung für die Entstehung von Terrorgruppen hat, lebe ich mit Personenschutz. Jetzt habe ich ein Buch über Integration geschrieben, von dem ich glaubte, es könnte breite Zustimmung finden. Aber ich werde seither noch viel massiver diffamiert, beleidigt und bedroht.

ZEIT: Von wem?

Mansour: Nicht nur von Islamisten, falls Sie das denken. Ich bekomme auch E-Mails aus dem linken Spektrum, in denen ich als "Nazi" geschmäht werde, weil ich gegen falsche Toleranz bin. Und die AfD beschimpft mich, weil ich sie für ihre Panikmache gegen Migranten kritisiere. Mir scheint eine faire Debatte über Integration in Deutschland momentan unmöglich. Alle politischen Lager weigern sich, die Komplexität der Probleme zu sehen: die Rechte, die Linke, die Islamisten sowieso. Genau diese Polarisierung kenne ich aus Israel.

ZEIT: Und was ist mit der Mitte? Bei welcher Partei finden Sie da am ehesten Zustimmung?

Mansour: Bei keiner. Ich sehe keine mutige Partei, die Integrationsversäumnisse sachlich anspricht. Das ist doch das Problem in Deutschland: Die Ränder prägen die Debatte, die Mitte schweigt. Sie ist offenbar überfordert damit, eine klare Sprache zu finden, die weder diskriminiert noch verharmlost.

ZEIT: Als Mitglied der "Initiative säkularer Islam" wollen Sie nun die Debatte aufmischen. Wie?

Mansour: Wir wollen der Heterogenität der Muslime hierzulande Ausdruck geben, also Alternativen schaffen zum konservativen und politischen Islam. Wir zeigen, dass es in Deutschland Muslime gibt, die ihre Religion säkular und im Einklang mit Demokratie und Menschenrechten verstehen.

ZEIT: Von 2012 bis 2014 waren Sie Teilnehmer der Islamkonferenz. Der Sprecher Ihrer Initiative, Ali Ertan Toprak, war von 2006 bis 2012 dabei, Seyran Ateș von 2006 bis 2009. Was haben Sie einzeln nicht geschafft, was nun gemeinsam gelingen soll?

Mansour: Konservative Vertreter des Islams beanspruchten bislang die alleinige Macht, ihre Religion zu repräsentieren. Ermächtigt fühlen sie sich leider durch die Unterstützung der Politik. Unsere Initiative will alternativer Ansprechpartner für jene Politik sein, die einen modernen, liberalen Islam will.

ZEIT: Nicht alle Mitglieder der "Initiative säkularer Islam" sind oder waren Muslime. Warum?

Mansour: Man muss kein Muslim sein, um mitreden zu können bei Problemen, die alle Bürger betreffen. Es geht um unser Zusammenleben.

ZEIT: Welche islamischen Verbände zählen Sie zu ihren potenziellen Verbündeten?

Mansour: Ich kenne keinen islamischen Verband in Deutschland, der Kritik am Islam übt. Oder am Patriarchat. Oder am Antisemitismus. Man hält zwar Sonntagsreden gegen Judenfeindlichkeit ...

ZEIT: ... Moment! Aiman Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, organisiert Fahrten junger Muslime nach Auschwitz.

Mansour: Ja. Aber in den Moscheen, in der Theologie distanziert man sich nicht von judenfeindlichen Aussagen des Koran. Aiman Mayzek sagt, Antisemitismus sei eine Sünde. Aber das ist doch kein Argument. Antisemitismus ist deshalb inakzeptabel, weil er menschenverachtend ist!

ZEIT: Warum organisieren Sie und Ihre Mitstreiter für einen liberalen Islam sich erst jetzt?

Mansour: Weil die existierenden Verbände einen harten Kampf gegen den liberalen Islam führen. Kritische Muslime wie Mouhanad Khorchide oder Seyran Ateș werden ständig diffamiert. Und der Islam, der heute Europas Jugendkultur prägt, ist definitiv nicht liberal.