Gut gebrettert

Tilman Knop, Thorsten Tenberken: Bretter. Feinkunst Krüger, Kohlhöfen 8, bis Samstag

Im Physikunterricht kann man lernen, dass die ganze Welt aus fitzelkleinen Atomen bestünde, und das ist natürlich Quatsch. Sollte uns nicht vielmehr, ja genau: das Brett als Ursubstanz alles Menschlichen gelten? Mit den Brettern, die, Sie wissen schon, die Welt bedeuten, als ewige Metapher für das anthropologische Streben nach Aufmerksamkeit.

Beileibe nicht nur dieser tieferen Bedeutung des Schnittholzes, ja dem Sinn und Unsinn von Gesellschaft als solcher widmet sich die Ausstellung Bretter, die noch bis zum kommenden Samstag in der Galerie Feinkunst Krüger auf Besucher wartet.

Spielerisch spannen die beiden Künstler Tilman Knop und Thorsten Tenberken das Alltägliche auf die Leinwand, verbasteln Werbung zu Pop-Art. Schockfotos krebskranker Raucher, die man seit einigen Jahren von Zigarettenpackungen kennt, veredeln sie durch Bilderrahmen. Aktentasche und Mantel, VW Käfer und dem Italienurlaub, ja dem gesamten Geist der Bonner Republik kann man in Bretter begegnen und sich so daran erinnern, was damals so kam vor dem Tod.

Andere Exponate laden zum Rätseln ein, etwa jene Herrensocken, die, auf Bretter genagelt, durch Mechanik getrieben hin und her ruckeln, während beide Künstler auf der Videoleinwand ein Klettergerüst besteigen. Manch einer wird wohl vor solchen Exponaten stehen und fragen: "Das soll Kunst sein?" Aber man kann auch denken: schon genial. Im Gästebuch der Galerie jedenfalls hat sich ein begeisterter Besucher mit der Formulierung "Brettert gut" verewigt, und das kann man ruhig so stehen lassen.
Martin Eimermacher

Radikale Entdeckung

Philippe Vandenberg: Kamikaze. Kunsthalle Hamburg, bis 24. Februar

Das ist keine Ausstellung, die man fröhlicher verlässt, als man sie betreten hat. Wer unter einem Museumsbesuch also eine erbauliche Freizeitaktivität versteht, wird enttäuscht. Wer bereit ist, sich in Abgründe zu begeben, vor denen man sonst zurückschreckt, ist hingegen genau richtig in Kamikaze. So heißt die erste große Retrospektive und erste deutsche Ausstellung des flämischen Malers Philippe Vandenberg, die die Kunsthalle zeigt.

80 Bilder und 120 Zeichnungen wurden zusammengetragen, aus den Jahren 1993 bis 2009, und dass bei dieser Fülle keine Verwirrung entsteht, keine Beliebigkeit, ist der konzisen Raumaufteilung zu verdanken. Jeder Raum hat ein Motto, ein klares Thema. Zum Beispiel "Mythen, Märchen, Menschen", in dem man sich vorkommt wie in einer modernen Variation der Hieronymus-Bosch-Welt. Oder "Der innere Feind", ein Raum, der Bilder versammelt, in denen sich der Maler mit der Wirkung von Antidepressiva auf seine Körperwahrnehmung auseinandersetzt. Oder eben "Kamikaze", wo Bilder gezeigt werden, die sich selbst zerstören. Das Bild Großes Schwarz I wirkt von weiter weg komplett schwarz, erst wenn man näher tritt, sieht man kleine farbige Stellen unter der fetten schweren schwarzen Ölfarbe durchblitzen. Da war Farbe, ein älteres Gemälde von Vandenberg selbst, er hat es übermalt.

Radikale Selbstzerstörung, Kamikaze, das war Vandenbergs künstlerisches Prinzip.
Xaver von Cranach

Wenn Kunst mit Kunst beworben wird

Günter Karl Bose. Museum für Kunst und Gewerbe, bis 6. Januar
 
Als Künstler sieht sich Günter Karl Bose  nicht. Eher als Gestalter und Designer. Seine Plakate sehen allerdings nach Kunst aus - nicht nur, weil sie jetzt im Museum zu sehen sind. Das Museum für Kunst und Gewerbe zeigt jetzt in einer Ausstellung bis zum 6. Januar Boses Plakate und Buchcover. Dabei wird sein (hier würde man gern das Wort künstlerisch einfügen, aber Künstler will er ja nicht sein) Werdegang anhand seiner Plakate für Theater, Oper und Museen nachgezeichnet. Auch einige seiner Buchcover und Prospekte sind ausgestellt.

Es beginnt mit einem collagenartigen Plakat für das Literaturhaus Berlin. "Seine Tochter hat da noch ein bisschen drauf rumgemalt, er hat das dann einfach draufgelassen", erzählt Jürgen Döring, Kurator der Ausstellung. Zwei Zeitungsausschnitte sind da drauf, ein Ausschnitt einer Zeichnung, eine kleine Tabelle mit Informationen, ein paar Striche – das war‘s. Mal ist es Typografie, mal Zeichnung und mal Collagen mit Ausschnitten seiner großen Fotosammlung. Oft geht das alles ineinander über. Mit der Zeit werden die Plakate schriller. Da ist dann auch mal ein Ausschnitt aus der Media-Markt-Werbung dabei. Oder ein Plakat für die Musica Viva-Reihe des Bayerischen Rundfunks, das nur aus Krakeleien besteht. Die Plakate informieren nicht nur, sie versprechen auch etwas - und sie vermitteln ein Gefühl dafür, was einen da erwartet.

Und vielen Plakaten muss man erstmal ganz genau hinschauen, um zu erkennen, was für eine Veranstaltung da beworben wird. Wenn die Arbeiten also tatsächlich keine Kunst sein sollten - dann sind sie jedenfalls ganz nah dran.  Johann Aschenbrenner