Manchmal sind Auktionen tatsächlich kulturgeschichtliche Ereignisse – wenn etwa ein schwindelerregender Preis für einen Künstler bezahlt wird, dem danach eine ganz neue Bedeutung zuwächst. Oder wenn ein Bild sich nach dem Zuschlag selbst zerstört und die Auktion in eine Performance verwandelt, wie im Oktober in London vom Konzeptkünstler Banksy inszeniert. Am 26. November wird sich abermals ein solcher kulturgeschichtlicher Augenblick ereignen. Christie’s in Hongkong versteigert dann ein chinesisches Bild, das selbst die Augen Kunst verachtender Chinesen leuchten lässt und alle anderen in Verzückung versetzt. Sehr unscheinbar und sehr klein, jahrzehntelang vermisst und schon verloren geglaubt, taucht plötzlich ein Wunderwerk aus Chinas großer Vergangenheit wieder auf: Su Shis Tuschemalerei Holz und Fels.

Das Bild stammt aus dem 11. Jahrhundert und hat das Zeug, zum teuersten Werk der klassischen chinesischen Malerei zu werden. 50 Millionen Dollar sollten es dafür schon sein, meint das Auktionshaus, in Wirklichkeit rechnet es mit mehr. Im Reich der Mittel ist alles möglich, und das Bild, 26,3 mal 50 Zentimeter groß, ist wahrhaftig ein Grund- und Hauptwerk der chinesischen Kultur, eine rare Gelegenheit, sich authentische Malerei aus einer der glamourösesten Epochen Chinas zu sichern, der Song-Dynastie (960–1279). Und der Maler Su Shi (1037–1101) gehört zu den faszinierendsten Gestalten jener Zeit.

Der Mann war ein Universalgenie, ähnlich wie Leonardo da Vinci. Su Shi legte schon mit 19 das höchste Beamtenexamen ab und wurde vom Kaiser persönlich an den Hof berufen. Als Minister geriet er irgendwann in einen Streit zwischen den Fraktionen und wurde beschuldigt, in seinen Gedichten den Kaiser zu schmähen. Den Rest seines Lebens verbrachte Su im Exil, in Armut herumwandernd, aber dabei unentwegt schreibend und malend. 2700 Gedichte sind von ihm überliefert, zahllose Essays und Betrachtungen, ebenso Bilder – aber nur drei stammen heute gesichert von seiner Hand. Eines befindet sich im National Art Museum in der Volksrepublik, ein weiteres im National Palace Museum in Taipeh. Und jetzt dieses.

Sofort nach seinem Tod wurde Su Shi zur Legende, ein chinesischer Geistestitan, dessen Schriften noch heute gelesen werden. Tatsächlich erfand er eine neue Art des Malens, eine, die in den folgenden Jahrhunderten einen fulminanten Aufstieg nahm, genannt "Gelehrtenmalerei". Sie ist nicht mehr fein und realistisch wie am Hofe, sondern karg, subtil und sehr individuell. In ihr wird ausschließlich Tusche verwendet, und der Pinsel folgt den Bewegungen des Schreibens. Was dargestellt wird, ist im Grunde nicht so wichtig, es kommt auf die virtuose Pinselführung an. Die gilt nun als Ausdruck der inneren Persönlichkeit, als Manifestation des moralischen Charakters.

Der wandernde Su Shi besuchte seine loyalen Freunde, malte und dichtete für sie und mit ihnen. Gelehrte Kreise bildeten sich, die den politischen Zeitläuften trotzen wollten. Künstlerisch waren keine Profis am Werk, sondern wackere Männer mit Herz und Hirn. Das ist die Vergangenheit, in der sich China heute auch spiegeln möchte, nicht nur in der grandiosen und imperialen.

Wenn es nicht ein Museum kauft, wird ein chinesischer Milliardär zugreifen

Holz und Fels bildet inzwischen eine mehr als fünf Meter lange Bildrolle. Es war üblich, dass Kollegen und spätere Besitzer Beischriften ans verehrte Originalwerk anhängten und es so mit einer historischen Verehrungsaura umgaben. Darunter befindet sich auch ein Gedicht des Kalligrafen Mi Fu (1051–1107), das für sich schon ein bedeutendes Werk ist. Sie alle drücken dem Bild entsprechend den damaligen Gepflogenheiten ihre roten Sammlersiegel auf. Im Laufe der Zeit kamen 36 zusammen, was es wiederum ermöglicht, den Weg des Bildes bis ins 17. Jahrhundert nachzuverfolgen.

Was dann mit ihm geschah, ist unklar. Sicher ist, dass es nun von einem Japaner eingeliefert wurde, der das Bild vor dem Zweiten Weltkrieg erworben hatte und seither in einem Bankfach deponierte. Man wusste, dass Holz und Fels existierte. Kopien gibt es zahlreiche, auch ein altes Foto, mit dem die Forschung bisher arbeitete. Christie’s behauptet, der heutige Besitzer habe das Werk Ende der Dreißiger im Pekinger Kunsthandel erworben. Wie auch immer, die Provenienz ist exzellent. Ein solcher Fund ist eine Sternstunde.

Wer kauft ein solches Werk? Wenn es nicht ein finanziell gut ausgestattetes staatliches Museum sein wird, greift mit Sicherheit einer der vielen chinesischen Milliardäre zu. Viele von ihnen unterhalten private Museen, Prunkstücke sind dort immer willkommen. Erwerb und Rückführung eines kulturhistorisch bedeutenden Werkes nach China bieten die Gelegenheit, das eigene Prestige aufzubessern. Kenner aus dem Westen werden wohl kaum mitbieten. In einem Markt für chinesische Kunst, auf dem es für herausragende Objekte keine Vergleichspreise mehr gibt, gelten andere Maßstäbe. Dort geht es inzwischen auch ums symbolische Kapital. Es heißt, Westler verfügten nicht mehr über das nötige Maß an kultureller Verpflichtung, um die geforderten Preise zu zahlen. Die Auktion von Su Shis Holz und Fels wird dies vermutlich bestätigen.