Wer Cold War gesehen hat, dem spuken noch Wochen später Szenen und Bilder vor dem geistigen Auge herum, und man ertappt sich beim Summen eines ziemlich melodramatischen, aber betörenden Volkslieds, das dem Film in unterschiedlichen Versionen unterlegt ist. Dwa serduszka, cztery oczy heißt es (auf Deutsch: "Zwei Herzen, vier Augen"), und es wird bäuerlich burlesk, sozialistisch pathetisch, aber auch in einer herrlich entrückten, schwebenden Jazzfassung gespielt, was sehr folgerichtig ist. Der neue Film des polnischen Regisseurs Paweł Pawlikowski spielt von 1949 bis 1964 überwiegend in Polen und in Paris, inmitten des ländlichen Elends und in der rauch- und suffseligen Boheme des Westens. Er handelt von zwei Liebenden, die zusammen nicht leben können, getrennt aber erst recht nicht. Und wie es Pawlikowski gelingt, in nur 85 Minuten ein episches Panorama des Kalten Krieges anhand eines Paares zu entfalten, ist ein Kunststück, das man sich nicht entgehen lassen sollte.

Es beginnt in der Provinz. Im Süden Polens, nahe den Karpaten, versucht der Musiker Wiktor (Tomasz Kot) zusammen mit anderen Kollegen, für das neue sozialistische Regime ein Folklore-Ensemble zusammenzustellen. Die Bauernmädchen der Gegend singen in einem verlassenen Herrenhaus vor, natürlich schrecklich krumm und schief. Es ist ein Gesangswettbewerb, in dem die Besten der Schlechten ausgewählt werden. Man drillt und trainiert sie, steckt sie in muntere Trachten, und am Ende geht es mit dem polnischen Volksliedgut und akrobatischen Tänzen nach Warschau und sogar ins befreundete Ausland. Der überaus gut aussehende Wiktor hatte sich beim Casting in eines der überaus gut aussehenden Mädchen verguckt, in Zula (Joanna Kulig). In dieser von Kadern durchsetzten, kaputten Welt sind Lüge und Wahrheit ein inniges Paar, und als sie auf einer Wiese liegen, sagt Zula, sie liebe ihn über alles und außerdem für immer. Und dann sagt sie, dass sie ihn bespitzele. Sie gesteht ihm das genauso cool-verträumt wie nur Flattersekunden zuvor ihre Liebe. Auch der Verrat hat eine Anziehungskraft, und die beiden planen, während eines Gastspiels in Ost-Berlin in den Westen zu fliehen.

Einem großen Publikum ist der 61-jährige Paweł Pawlikowski seit seinem Film Ida bekannt, der vor drei Jahren mit dem Auslands-Oscar ausgezeichnet wurde. Er handelt von einer jungen Novizin im Polen der Sechzigerjahre, die ihre jüdische Herkunft entdeckt, die Gewaltverbrechen an ihrer Familie erkundet und nebenher auch einen Zugang zu weltlichen Angelegenheiten findet (Wodka, High Heels, Sex und so weiter).

Wie Ida ist Cold War im alten, ungewohnten Normalformat gedreht, die Bilder sind höher, weniger breit, der Himmel wird sichtbar, die Landschaft zieht sich nicht, wie heute üblich, ins unfokussierbar Weite, sondern ist so beengt, wie die Welt nun einmal für den Einzelnen beengt und begrenzt ist. Und wie Ida ist Cold War in jenem leuchtend-prägnanten Schwarz-Weiß gedreht, das dem Geschehen auf den ersten Blick etwas Artifizielles, Konzentriertes, ja beinahe Kaltes verleiht. Natürlich ist diese formale Abstraktheit nur der Rahmen, in dem sich überhaupt erst Sentimentales und Pathetisches zeigen kann: wilde Abschieds- und Wiedersehensszenen, ein versoffener Tanz, die nächtliche Schifffahrt auf der Seine, das Ineinanderfallen in der Nacht. Es sind universelle, wortlose Szenen. Wie denn überhaupt der Regisseur nur reden lässt, wo es etwas zu sagen gibt, und das ist ja (auch ganz grundsätzlich) eher selten der Fall.

Pawlikowski ist hemmungslos nostalgisch. Er lässt die untergegangene Ostblockwelt fast manisch präzise wiederauferstehen. Damit sind nicht nur die Interieurs gemeint, nicht nur die Anzüge, die damals zuverlässig besser saßen als heute, nicht die riesigen Stalin-Plakate bei Auftritten der Tanz- und Gesangsgruppe, nicht die polnischen Teegläser mit den verzierten Metallhalterungen, nicht die existenziell-schwermütige Raucherei, es sind auch die Charaktere selbst, die nicht mehr in unsere Zeit passen, weil sie in dem Krieg, den man kalt nannte, zu hart, zu sehnsüchtig, zu verletzlich, zu gewalttätig, zu schroff und zu zärtlich sind. Die Schauspieler selbst scheinen einer anderen Epoche entsprungen, nicht nur die Figuren, die sie verkörpern. Es ist, als formten Gesellschaften Gesichter, und wer in alten Familienalben blättert, weiß, dass das stimmt.