Zuerst liegt das Leben wie auf einer Landkarte ruhig da, gleich einem See. Dann trifft eine verstörende Nachricht ein, die Szene gerät in Bewegung, entfaltet sich, tritt spannungsreich wie ein Film vor Augen, spitzt sich zum Historiendrama zu, das an den Scheiterhaufen führt, bis es so spektakulär wie unerwartbar endet. Und eine neue Epoche beginnt.

Was für ein Stoff: Deutschland im Jahr 1615, kurz vor dem Dreißigjährigen Krieg, Leonberg, ein lutherisches Städtchen im Württembergischen, eine 73-jährige Frau wird der Hexerei angeklagt, sie hat angeblich Schmerzen im Oberschenkel eines Nachbarn verursacht. Ihre Familie gerät in Aufruhr, der älteste Sohn sendet ein Bittgesuch an die herzogliche Kanzlei. Er ist kein Geringerer als der Astronom Johannes Kepler, dessen Wissenschaft von den Gesetzen der Himmelsplaneten um 1600 die Neuzeit mitbegründet. Er gehört zu den Verteidigern des kopernikanischen Weltbildes, die Erde kreist für ihn um die Sonne, und er wird zum Verteidiger seiner Mutter: Sechs Jahre lang hält ihn das in Atem, während er doch auf dem Höhepunkt seines Schaffens ist. Bis der 48-Jährige schließlich, nach der Veröffentlichung seines Hauptwerks Weltharmonik, sein Leben als Wissenschaftler unterbricht und 1620 in den Heimatort umsiedelt: Er will das Gericht von der Unschuld seiner Mutter überzeugen.

Was für eine Kunst: Diesen Stoff hat nun die 51-jährige Historikerin Ulinka Rublack, Expertin für die europäische Geschichte der Frühen Neuzeit am St. John’s College im britischen Cambridge, akribisch aus den Quellen der württembergischen Archive rekonstruiert und in eine packende Historienerzählung verwandelt. Beim Lesen meint man die Stimmen der Hauptfiguren sprechen zu hören. Kein Wunder, dass aus ihrem Buch, kaum war die englische Originalausgabe 2015 erschienen, eine Oper entstand. Inzwischen sind die Filmrechte vergeben. Nun ist Der Astronom und die Hexe endlich auf Deutsch zu lesen, ein Kuriosum: Die Autorin, die seit ihrer Studienzeit in Cambridge forscht und lehrt, ist gebürtige Tübingerin, Deutsch ist ihre Muttersprache. Die Quellenlage ist für sie heimatlich.

Der Stoff ließe sich leicht als Schmonzette darstellen. Kepler, ein unerschrockener Wegbereiter der Moderne, will seine alte Mutter retten, wider den Hexenwahn. Doch Rublack entwickelt mikrohistorisch die abenteuerliche Vielschichtigkeit der Lage: Der Protestant Kepler fürchtet auch um den eigenen Ruf und das eigene Werk, er erwägt, inwiefern die Mutter selbst Verursacherin der Vorwürfe gegen sie ist, er ringt mit ihrem eigenwilligen Charakter, dem er in manchem gleicht. Und er ist kein moderner Rationalitätsjünger, sondern Bewohner einer Welt im Übergang, die zwischen Religion und Zauberei kaum unterscheidet. Keplers Weltsicht ist zuversichtlich, für ihn zeigt sich Gott als Urheber in jedem Detail der Schöpfung. Er will dem Hexenglauben keinen Raum geben. Am lutherischen Hof in Leonberg wird kräutermedizinisch und alchemistisch experimentiert. Neugier auf Empirie liegt in der Luft. Johannes Kepler will forschen: Rublack zeichnet ihn als ein körperlich fragiles und politisch souveränes Genie.

Die standhafte Katharina Kepler aber ist die Figur, die sich zwischen streitenden Kindern und Angehörigen als Hauptperson des Hexerei-Dramas einprägt. Denn Rublack interessiert die Frage, was es heißt, in dieser Epoche Ehefrau und Mutter zu sein, alsdann 30 Jahre lang Witwe. "Nur auf den Scheiterhaufen mit den alten Weibern", so wollte es das Sprichwort. Rublack aber hat sich auf die Suche nach deren Würde gemacht und der Keplerin ein Denkmal gesetzt.

Ulinka Rublack: Der Astronom und die Hexe. Johannes Kepler und seine Zeit; a. d. Engl. von Hainer Kober; Klett-Cotta, Stuttgart 2018; 409 S., 26,– €, als E-Book 20,99 €