Das wahre Vorbild für Manns Untertan: Kaiser Wilhelm II. (Karikatur aus der Satirezeitschrift "Simplicissimus" von 1906) © Memento/Mauritius

Das Kaiserreich musste erst untergehen, ehe das wohl berühmteste Romanporträt der wilhelminischen Epoche erscheinen konnte: 1914 hat Heinrich Mann das Manuskript des Untertans vollendet, im Januar des Jahres veröffentlicht er den Anfang in der Münchner illustrierten Wochenschrift Zeit im Bild. Fortsetzungen folgen – bis zum 13. August. Da teilt die Redaktion mit: "Im gegenwärtigen Augenblick kann ein großes öffentliches Organ nicht in satirischer Form an deutschen Verhältnissen Kritik üben." Im Krieg gibt es nichts zu lachen über Seine Majestät.

Erst vier Jahre und Millionen Tote später, am 30. November 1918, wird der vollständige Romantext in einer ersten Auflage gedruckt – wenige Wochen nachdem die Revolution gesiegt hat. Manns Buch kommt zu spät, könnte man glauben. Doch Der Untertan ist der Roman der Stunde. Mit bösem Witz führt er noch einmal vor, was endlich und glücklich überwunden scheint; binnen weniger Monate verkauft er sich mehr als 100.000-mal. Wirklich überwunden freilich ist das Alte nicht, auch wenn Deutschland nun Republik heißt. Kein Zufall jedenfalls, dass ausgerechnet ein Buch noch besser läuft im Handel: die Memoiren eines leibhaftigen Untertanen, des obersten Heeresleiters Erich Ludendorff, der das Land noch kurz zuvor beinahe wie ein Militärdiktator geführt hat.

Liest man den Untertan 100 Jahre später, macht nicht nur die Prägnanz staunen, mit der Mann die Jahre unter dem Adlerhelm schildert. Verblüffend ist vor allem seine seherische Kraft. Zwischen 1906 und 1914 zu Papier gebracht, kündet der Roman bereits vom Zusammenbruch des Kaiserreichs im Krieg und sogar schon von den Mächten, die Weimar zerstören werden. Ja, selbst die Gegenwart des Jahres 2018 meint man zwischen den Zeilen aufblitzen zu sehen. Da bräuchte es nicht erst Zahlen wie diese: 40 Prozent der Deutschen, ergab eine pünktlich zum Jahrestag der Novemberrevolution präsentierte Studie der Universität Leipzig, wären bereit, ein autoritäres Regime zu unterstützen.

Diederich Heßling, der hässliche Deutsche aus Manns Untertan, ist längst, vielleicht zu lange schon, zu einer sprichwörtlichen Figur erstarrt. Eine "Radfahrernatur", spöttelte der Volksmund, als das Rad noch keine so gute Presse hatte. Diederich Heßling, den Rücken gebeugt, tritt nach unten, um voranzukommen. Aber er will nicht einfach voran. Er will nach oben.

Stets wählt er dazu den Weg des geringsten Widerstands: Diederich, Sohnemann eines Papierfabrikanten aus dem beschaulichen Netzig, studiert Chemie im rasanten Berlin – und sucht Geborgenheit im Bierdunst der Neuteutonia. Mit seinen Burschenschaftsverbindungen drückt er sich erfolgreich vorm Militär – dem natürlich seine uneingeschränkte Bewunderung gehört: wenn nur der Fuß nicht so schmerzte ... Es ist eben eine "harte Zeit". Diederich bricht ein Herz. Er macht seinen Doktor. Er findet im Milieu alldeutscher Hetzer sein geistiges Zuhause und in der "persönlichsten Persönlichkeit" des jungen Wilhelm Zwo seinen Meister. Da ruft ihn die Pflicht nach Netzig. Der Vater ist tot. Jetzt gilt’s: Diederich übernimmt die Papierfabrik.

Und bald die ganze Stadt. Mit furioser Ironie schildert Mann, wie es der kaisertreue Erbe zum Großindustriellen und tonangebenden Politiker bringt. Wie er seine Konkurrenten aus dem Weg räumt und die liberalen Demokraten entmachtet, den "alten Buck", der 1848 mit dabei war, samt seiner Familie und seinen Freunden, die Netzig zu einer Hochburg des liberalen Freisinns gemacht haben. Nun ist die Luft von Neid und Misstrauen verpestet. Hier ist Diederich zu Hause. Er verleumdet und schmeichelt, paktiert und erpresst, dass es eine Freude ist. Wolfgang, dem Sohn des alten Buck, spannt er die Braut aus, die "kolossal appetitliche" Guste mit ihrem noch appetitlicheren Erbe. Und als der Alte im Sterben liegt, pflanzt Diederich sich heimlich in Sichtweite des Totenbetts auf: Über den erigierten Spitzen seines Kaiserbärtchens blitzen seine Augen aus dem Dunkel zu Buck hinüber, der sich qualvoll aufbäumt. "Er hat den Teufel gesehen!", ruft seine Frau entsetzt. Diederich tötet ihn mit einem Blick.

Netzig ist ein erfundener Ort, die Handlung aber lässt sich anhand realer Ereignisse, die Heinrich Mann in den Text einflicht, eindeutig datieren: auf die letzte Dekade des 19. Jahrhunderts. Es ist eine Zeit des Umbruchs, weg vom alten Ständestaat, den Wilhelm I. und Bismarck repräsentierten, hin zu einer Massen- und Klassengesellschaft, die, global vernetzt, ein erstes deutsches Wirtschaftswunder hervorbringt. Aus dem Land der Dichter und Denker wird die Nation der Ingenieure und Couponschneider. In Grundzügen entsteht damals die Welt, in der wir heute leben.

Gewiss, nicht alles Ständische und Stehende verdampft, wie Marx und Engels prophezeit hatten, aber das Kaiserreich kommt doch so sehr in Bewegung, dass nicht nur der Markt für Chemie- und Elektrotechnik made in Germany boomt, sondern auch der für nationalistische Ideologien. Die Fliehkräfte, die der Wandel erzeugt, werden auf "innere Feinde" umgelenkt, auf Juden und Sozialdemokraten. Vorneweg reitet der junge Kaiser, der die Ambivalenz dieses "nervösen" Zeitalters in höchster Steigerung verkörpert, indem er sich wie ein bürgerlicher Parvenü geriert und zugleich ein operettenhaftes höfisches Regiment führt. Deutschland blüht in seinem Widerspruch. "Absolutismus, gemildert durch Reklamesucht" – Diederichs Kontrahent Wolfgang Buck hat es klar erkannt.