Am 9. Januar 1993 erschlug der 38-jährige Arzt und Experte der Weltgesundheitsorganisation Jean-Claude Romand in seinem Haus bei Ferney-Voltaire, unweit der Schweizer Grenze, seine Frau mit einem Nudelholz, erschoss danach seine beiden Kinder und begab sich anschließend mit seinem Auto ins nahe gelegene Domizil seiner Eltern, welche er ebenfalls beide, nebst geliebtem Haushund, erschoss. Wieder zurück daheim, steckte er sein Haus in Brand und schluckte den Inhalt eines Röhrchens Schlaftabletten. Der rasch anrückenden Feuerwehr gelang es, Jean-Claude Romand zu retten, der, nachdem er aus dem Koma erwacht war, angab, mit seiner Familie Opfer eines brutalen Überfalls geworden zu sein.

Es sind Geschichten, es sind Alltagstragödien wie diese, die man unter "Vermischtes" in der Lokalpresse findet, "faits divers", die es in besonders aufsehenerregenden Fällen manchmal auch bis ins Fernsehen, bis in die Abendnachrichten bringen, wo sie von einem gleichermaßen ergriffenen wie zerstreuten Publikum zur Kenntnis genommen und dann umgehend wieder vergessen werden.

Mit Jean-Claude Romand indes war es etwas anders bestellt – und genau das machte ihn zu einem veritablen "Fall", der bald schon Literatur und Film (Nicole Garcias L’adversaire, 2002) interessierte. Die polizeilichen Ermittlungen ergaben rasch, dass Jean-Claude Romand bei der WHO in Genf unbekannt war. Ja, er war nicht einmal Arzt, hatte das Studium in Lyon nach dem zweiten Jahr schon geschmissen. Aber es war ihm gelungen, 18 Jahre lang vor aller Welt, den Freunden, den Eltern, der Familie die Fiktion des gut verdienenden Wissenschaftlers und hohen internationalen Beamten aufrechtzuerhalten, der kreuz und quer durch die Welt reiste, mit Prominenten per Du war, Gastvorträge an medizinischen Fakultäten hielt. Des Morgens brach er auf, des Abends kam er, erschöpft von der "Arbeit", nach Hause zurück und herzte Frau und Kinder. Oft war er tagelang abwesend, auf "Dienstreisen", die er auf Parkplätzen, in Kneipen und in Hotelzimmern verbrachte, wo er Stadtpläne und Reiseführer studierte, um daheim "en détail" von der großen, weiten Welt erzählen zu können.

Erst als diese aufwendige Erfindung der Realität, seiner Realität, die Romand damit finanziert hatte, dass er Familie, Schwiegerfamilie und Freunde um ihr Erspartes brachte (mit dem Versprechen, er könne das Geld gewinnbringend bei Schweizer Banken anlegen), mangels Geldes nicht mehr aufrechtzuerhalten war, kam es, zwecks Vermeidung der Schande, zu der Wahnsinnstat. Nach 250 Stunden Polizeiverhör und zehn Verhandlungstagen wurde Jean-Claude Romand 1996 zu lebenslanger Haft verurteilt, mit einer "Sicherheitsverwahrung" von 22 Jahren.

Nun hegt die Literatur, amoralisch, wie sie in ihren besseren Ausformulierungen nun einmal ist, ein gewisses Faible für einen bestimmten Typus von Kriminellen, für Falschmünzer, Hochstapler und andere Gaukler, "Kollegen" gewissermaßen, die der Welt, wie die Schriftsteller, Illusionen verkaufen. Fiktionen, Vexierspiele zwischen Wahn und Wirklichkeit wie die des falschen Arztes aus dem helvetisch-französischen Grenzgebiet hatte der französische Autor Emmanuel Carrère sich bis dahin bestenfalls ausdenken können, etwa in Der Schnurrbart (1986) und kurz darauf noch in Schneetreiben (1995). Was er aber am 13. Januar 1993, also vier Tage nach der Tat, in der Zeitung über den Fall las, übertraf das Auszudenkende und brachte den Autor Carrère auf eine Bahn, die er seither nicht mehr verlassen hat. Noch im Reich Gottes(Le Royaume, 2014) kommt Carrère auf den Fall Romand zurück: Die 15 prall gefüllten Ordner mit den Prozessakten lagern noch immer, versteckt wie der Grundstein eines Gemäuers, in seinem Arbeitszimmer.

Carrère wohnt dem Prozess bei, gewinnt das Vertrauen dieses lebenslangen Mythomanen, der vorgibt, nunmehr als geradezu dostojewskischer Sünder den Weg zu Gott gefunden zu haben. Und Carrère, der soeben, nach einer religiösen Krise, den Weg zu Gott wieder verlassen hat, setzt sich der permanenten Oszillation zwischen Wahrheit und Lüge aus, lässt sich in einer Art Selbstversuch immer wieder von Romands Erzählungen einholen, klopft diese ab – und legt 1999 mit L’Adversaire ein packendes, ein schwindelerregendes Buch vor. Der Widersacher lautet nun der deutsche Titel. Im religiösen Sprachgebrauch wäre damit kein Geringerer als der Satan selbst genannt, Satan, der Fabulierer.

Emmanuel Carrère rekonstruiert minutiös das Leben des Jean-Claude Romand, er protokolliert den Prozessverlauf, seine Gespräche mit Romand, aber auch sein eigenes fasziniertes Schaudern. Es ist zuweilen, als lese man eine französische Version von Truman Capotes legendärem In Cold Blood, einem Werk, auf das Carrère sich ausdrücklich beruft, doch wahrt er, anders als Capote, letztlich Distanz zu dem Mörder Romand – was ihm vielleicht nicht immer leichtgefallen ist. "Diese Geschichte zu schreiben", lautet der letzte Satz des Buches, "kann nur ein Verbrechen sein oder ein Gebet." Und doch: Carrère hat kein Verständnis heischendes Plädoyer für einen mehrfachen Mörder geschrieben, keine Sozialreportage. Aber eben auch keinen Roman. Er verzichtet konsequent auf die Gattungsbezeichnung und signalisiert damit, dass die Fiktionen des Docteur Romand eben nicht als fiction zu lesen sind. Und der explizite Verzicht auf die peinlich genaue Trennung zwischen einem Erzähler und einem Autor belegt darüber hinaus, dass wir in einem Genre angelangt sind, in dem Carrère seither und weite Teile der französischen Gegenwartsliteratur überhaupt brillieren: in der erzählerischen Exploration, Dokumentation und Auskultation eines Faktischen, das uns zunehmend zu entgleiten droht.

Über ein Haftentlassungsgesuch Jean-Claude Romands sollte übrigens am 18. September dieses Jahres ein französisches Gericht befinden. Die Verhandlung wurde ohne Angabe von Gründen vertagt.

Emmanuel Carrère: Der Widersacher. Aus dem Französischen von Claudia Hamm; mit einem Gespräch zwischen Emmanuel Carrère und Claudia Hamm; Matthes & Seitz, Berlin 2018; 195 S., 22,– €, als E-Book 17,99 €