An einem Donnerstag im November steht Bahn-Chef Richard Lutz im Führerraum einer knallgelb gestrichenen Reparaturlok der sogenannten Netzinstandhaltung. Er will sich das Vorzeigeprojekt der Deutschen Bahn ansehen: die Strecke von Berlin nach München. Lutz begleitet einen Teil des Weges in der gelben Lok. Durch die Frontscheibe sieht er die Gleise vorbeirauschen, Wälder, Tunnel. Das Fahrzeug beschleunigt auf 120 km/h. Dann bremst es plötzlich ab. Schmunzelnd dreht sich der Lokführer zu Lutz. Der Bahn-Chef hat versehentlich die Vollbremsung eingeleitet. Sein Oberschenkel touchierte den Sicherheitsfahrschalter, eine Art Notbremse.

Typisch Deutsche Bahn. Selbst auf der Vorzeigetour zum Vorzeigeprojekt läuft etwas schief. Selbst wo alles rund laufen sollte, ist das nächste Missgeschick nur eine Hüftbreite entfernt.

Chronische Unpünktlichkeit und sonstige Unzuverlässigkeiten

Pleiten, Pech und Pannen waren in der jüngeren Bahn-Vergangenheit eher die Regel als eine Seltenheit. Deshalb wird das Klima im 21. Stock des Bahntowers an diesem Donnerstag und Freitag wohl eher frostig. Der Aufsichtsrat geht dort in Klausur, und Lutz soll nicht nur die chronische Unpünktlichkeit und sonstige Unzuverlässigkeiten erklären, sondern den zusätzlichen Finanzierungsbedarf von vielen Milliarden Euro erläutern.

Lutz wird sich seinen Auftritt wohl überlegen. Der 54 Jahre alte Manager denkt seit seiner Jugend gern vier, fünf Züge voraus. Bis heute ist Lutz begeisterter Schachspieler und hat es als Jugendlicher zum deutschen Vizemeister gebracht. Dabei sieht er zwischen Spiel und Management Parallelen. "Ich muss mir einen Plan zurechtlegen, wohl wissend, dass mein Gegner auch einen hat. So viele Informationen ich auch einhole, bleibt es eine Entscheidung unter Unsicherheit. Aber irgendwann muss ich mich bewegen." Lutz ist ein Manager, der möglichst viele Informationen sammelt, ehe er den nächsten Schritt macht. Man sollte nur nicht den Fehler machen, ihn deshalb für einen Zauderer zu halten. Seine Entscheidungen schütteln bisweilen den ganzen Konzern mit seinen 320.000 Mitarbeitern durch.

Den ersten Adrenalinschock gibt es morgens beim Lesen der Pünktlichkeitsstatistik

Am 7. September schrieben Lutz und seine Vorstandskollegen einen Brief an die 3500 Führungskräfte, der später nur noch als Brandbrief zitiert wurde. Eine Kostprobe: "Wir wissen alle, dass wir mit unserer Leistung nicht zufrieden sein können. Das gilt gleichermaßen für Wirtschaftlichkeit, Qualität und Pünktlichkeit." Und weiter: "Zu einer ehrlichen Bestandsaufnahme gehört (…), dass wir unsere eigenen Themen wie z. B. die Fahrzeugverfügbarkeit schlicht nicht im Griff haben."

Lutz’ früherer Vorstandskollege Volker Kefer war überrascht, als er von dem Brief erfuhr. "Da muss die Lage wohl ernst sein", dachte Kefer und sagt der ZEIT: "Ich hätte Vorbehalte gehabt, einen solchen Brief zu schreiben. Solche Appelle sind oft schnell wieder vergessen."

Lutz verteidigt den Aufruf, der ihm vom Betriebsrat bis zur Politik viel Kritik einbrachte. "Ich habe als Topmanager immer auch eine Aufgabe als Antreiber, um eine solch große Organisation in Bewegung zu halten." Seine Botschaft: Stillstand ist der Tod.

Wie soll man das auch aushalten, was gerade Tag für Tag an deutschen Bahnhöfen passiert? Da wartet ein voll besetzter ICE, weil das Personal die Ruhezeiten einhalten muss, hier fehlt ein Ersatzzug, dort spinnt die Reservierungsanzeige, und überall wird gebaut wie nie.