Wie alles im Leben ist auch die Macht eine Frage der Zeit, wobei in dieser Aussage eine Doppeldeutigkeit mitschwingt. Mehrdeutig hat auch der in Cambridge lehrende Historiker Christopher Clark sein neues Buch angelegt: Von Zeit und Macht heißt es, konzentriert sich auf vier Epochen der deutschen Geschichte – und ist, um es gleich vorweg zu sagen, das wohl inspirierteste historische Buch seit Langem. Zudem ist es ganz anders als die bisherigen, vielfach preisgekrönten Werke des 58-jährigen Sir Christopher, anders als seine gefeierte Gesamtdarstellung preußischer Geschichte von 2007, anders als seine Schlafwandler von 2013, der viel diskutierte Bestseller über den Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Denn jetzt rekonstruiert er in vier glänzenden, miteinander virtuos verbundenen Langessays, wie Macht in Deutschland funktioniert hat und welchen Wandel ihr Bewusstsein von sich selbst erlebte, wie Staats- und Zeitvorstellung jeweils ineinandergriffen.

Zunächst geht es ins 17. Jahrhundert, als auf kargen brandenburgischen Äckern der immer wieder aufs Neue erstaunliche Aufstieg Preußens begann. Die Erinnerung an die Verheerungen des Dreißigjährigen Kriegs war noch frisch, und Kurfürst Friedrich Wilhelm, bekannt als der "Große Kurfürst", der von 1640 bis 1688 regierte, konnte daher unter Verweis auf "drohende Gefahren" in der Zukunft seine Macht auf Kosten der althergebrachten Ständen ausbauen – Tradition hatte gegenüber der neuen Zeit argumentativ einen schweren Stand. "Das Maaß und der Schwerpunkt aller dieser Erwägungen ist der Staat", so sollte später der 1686 zum Hofgeschichtsschreiber ernannte Samuel Pufendorf schreiben, "zu welchem alle Rathschläge wie Linien nach dem Centro sich strecken." Der Staat wurde dynamisch, gen Zukunft ausgerichtet.

Eine Ausnahmegestalt war dann Friedrich der Große, den uns Clark nicht wie üblich als Philosophen auf dem Thron, sondern als Historikerkönig präsentiert, dessen geschichtliche Werke viel origineller seien als seine philosophischen Traktate. "Aber welch ein Unterschied zwischen den Jahrhunderten!", bemerkt der König höchstselbst, als er in seinen Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Hauses Brandenburg über "Sitten, Gebräuche und Industrie" sowie den "Fortschritt des Menschengeistes in den Künsten und Wissenschaften" schreibt. Überhaupt ist das Friedrich-Kapitel Clarks Glanzstück: Wie er bei dieser tausendfach gedeuteten Gestalt noch einmal Neues herausarbeitet, Friedrichs "intensiv empfundene Wahlverwandschaft mit dem alten Rom" mit seiner Begeisterung für den Maler Antoine Watteau und dessen gemalte "schwebende Momente" kurzschließt, um die Freiheit des Königs gegenüber seiner Epoche zu zeigen, ist schlichtweg brillant. Der Ruhm der Römer, so Clark, wirkte wie eine "erhöhte Schnellstraße" vom Altertum direkt bis in die friderizianische Ära, einfach über die dazwischenliegenden dunkleren Jahrhunderte hinweg. Der Neorömer Friedrich trachtete danach, "absolute Autonomie zu verkörpern", als Homosexueller machte er sich bewusst frei von der "reproduktiven Zukunftsorientierung" der Dynastie und konnte als Hochrisikospieler, der eigenen Einzigartigkeit stets bewusst, seinen Staat "wie einen Himmelskörper im Gravitationsfeld eines internationalen Systems" aufhängen.

Anders agierte Bismarck, der nach der Revolution von 1848 den Staatsmann nur mehr in der Rolle des Entscheidungsträgers, sich also als Steuermann im Strom der Zeit sah. Der tief greifende Wandel Mitte des 19. Jahrhunderts war Bismarck vollauf bewusst, die neue "Angst des Augenblicks" beherrschte die Regierungen angesichts diverser Revolutionen, wie es damals der Historiker Johann Gustav Droysen formulierte. Die dramatische technische Neuerung des Telegrafen lud an Börsen und in Hauptstädten "immer kleinere Zeiteinheiten mit noch größerer Bedeutung auf", wie Clark scharfsinnig beobachtet. Und der monarchische Staat, von Hegel ins Zentrum deutschen Denkens und Trachtens gerückt, war die allseits vergötterte Antwort auf das Chaos permanenter Umwälzung. Deshalb brach dann in der Revolution von 1918 auch kein demokratischer Freudentaumel los. Denn der Zusammenbruch der jahrzehntelangen, von den allermeisten bis eben noch als modern und gelungen empfundenen Staatsordnung mit der Abdankungsflut deutscher Fürsten war für die Deutschen schwer traumatisch: Sie erlebten die "Enthauptung des Staates" (Clark).

Clarks immense Quellenkenntnis und seine spezielle Begabung zu neuem Arrangement scheinbar bekannter Stoffe sind bestechend, auch im abschließenden Teil über den Nationalsozialismus. 1933 zeigen sich die Deutschen, die 15 Jahre zuvor desorientiert in eine neue Zeit gerieten, plötzlich begeistert von einer neuen Epoche. Die Nationalsozialisten hatten ein klares Zeitbewusstsein, sie liebten finale Zustände und Endzeitszenarios: Endkampf, Endlösung, Endsieg. Verblüffend ist Clarks Material über Ausstellungen und Museen, die das neue Regime den besiegten Zeiten widmete. So wurde die Weimarer Republik schon im September 1933 zum historisierten Gegenstand eines offiziellen "Revolutionsmuseums". Und Hitler hat die tausendjährige Zukunft im Blick, wenn er triumphale Bauten plant und dabei den möglichst eindrucksvollen Ruinenwert für kommende Generationen berücksichtigt. Bei Clark spürt man: Die Dynamik von Terror und Massenvernichtung erwuchs auch aus der Begeisterung für den Bruch. Der Wille zur Macht beruhte hier auf dem Willen zum Neuen – ebenfalls ein deutsches Zeitgefühl.

Christopher Clark erzählt ausdrücklich nicht von der Gesellschaft, sondern konzentriert sich auf Ideen und Macht in der deutschen Geschichte. Am Ende sinniert er über heutige Endzeitszenarios nach, und prompt erinnert man sich an jenes Wort Friedrichs des Großen, wonach auch "politische Träumereien" zu den Aufgaben des Fürsten gehörten: Er müsse sich manchmal von der Realität seiner Zeit lösen und "in dem unendlichen Feld chimärischer Entwürfe lustwandeln".

Christopher Clark: Von Zeit und Macht. A. d. Engl. v. Norbert Juraschitz; DVA, München 2018; 320 S., 26,– €, als E-Book 24,99 €