Die Buchhandlungen quellen über von Ratgebern. Die Tische biegen sich unter Stapeln von Büchern, die Tipps und Tricks für alle Lebenslagen bereithalten, insbesondere Empfehlungen für jenen narzisstisch-egozentrischen Umgang mit dem Selbst, der unter dem Stichwort "Achtsamkeit" vermarktet wird. Höre auf dich, pflege dich, tue dir etwas Gutes! Nichts scheint dringlicher, als den eigenen Bedürfnissen zu schmeicheln.

Da trifft es sich gut, dass Alexander von Schönburg, der Journalist und ironische Sittenschilderer (Die Kunst des stilvollen Verarmens, 2005; Alles, was Sie schon immer über Könige wissen wollten, 2008), dem therapeutischen Zeitgeist trotzt und schon wieder keinen Ratgeber geschrieben hat, auch wenn der Verlag den Anschein zu erwecken versucht. An dem Titel Die Kunst des lässigen Anstands haben die Marketingexperten gewiss lange gefeilt, um den entsprechend treuherzigen Eindruck herzustellen.

Indes könnte nichts irreführender sein. Gerade dem Lässigen, dem steten Imperativ des Leichten, Bequemen, Ungezwungenen gilt Schönburgs Zorn, und das gleichermaßen modisch gewordene Fuchteln mit dem Anstandsbegriff ist er nur insofern bereit zu würdigen, als er darin eine Ausweichbewegung erkennt, ein Zeichen empfundener Leere. "Die Wertedebatten der vergangenen Jahre waren ein Anfang, auch wenn ihr biederer Grundton zutiefst abstoßend war."

Tatsächlich hat es Schönburg auf eine Art modernen Tugendkatalog abgesehen, aber diese Tugenden – es sind sympathisch ungerade 27 an der Zahl – denkt er sich höchst altmodisch als fordernde, ja herausfordernde und anstrengende Tugenden. Zum Lohn verheißt er einen Trainingseffekt, ähnlich dem Hochgefühl nach sportlichen Strapazen. Eine moralische Herausforderung gemeistert zu haben stärkt die Selbstachtung, ganz anders als das Sich-gehen-Lassen, das nur ein Gefühl von Untüchtigkeit verstetigt. Der Kontrast zur gängigen Ratgeber-Rhetorik könnte komisch-drastischer nicht sein. Wo deren Lieblingsempfehlung das Baumelnlassen der Seele war, sagt Schönburg gerade: Nur nicht baumeln lassen! Die Seele muss ans Reck.

Zumal der Herzmuskel muss trainiert und von der ausschließlichen Tätigkeit für das armselige Ich befreit werden. Für andere leben, anderen Gutes tun! Die Achtsamkeit gerade nicht der eigenen Person weihen. Nur die tätige Nächstenliebe erlöst von der unseligen Verstrickung in Zweifel, Ängste und vergebliche Selbstsuche. Die bloße Sorge um das eigene gute Gewissen, gewissermaßen als moralische Diät, wie die Veganer sie üben, ist steril und zum Scheitern verurteilt. Man darf auch sündigen, sagt Schönburg, und kann es im Übrigen nicht vermeiden. Das ist ziemlich genau das pecca fortiter Martin Luthers, obwohl ihn der überzeugt katholische Autor selbstverständlich nicht zitiert.

Mit anderen Worten: Wir befinden uns im Debattenkern der christlichen Moraltheologie, und es hat nicht den geringsten Sinn, das zu verschweigen, auch wenn es für die säkularisierte Öffentlichkeit gewiss eine Zumutung ist. Der Autor entwickelt seine Tugenden zwar historisch bedächtig aus Idealen der Antike und des mittelalterlichen Rittertums – Milde zum Beispiel, Höflichkeit, Demut und Treue –, aber er gibt ihnen unverzüglich einen "christlichen Twist", wie er sagt.