Über die wirtschaftlichen Chancen eines Landes in der digitalen Zukunft entscheiden gemeinhin innovative Unternehmer und kluge Investoren. Nur in Deutschland ist das anders. Hier entscheidet darüber, so sehen es manche Manager, eine Bundesoberbehörde.

Für die Behörde, die Bundesnetzagentur, kommen am Montag in Berlin 27 Männer und fünf Frauen aus dem Bundestag und den Ländern zusammen und beugen sich über 174 Seiten mit Verwaltungsbestimmungen, inklusive Abkürzungsverzeichnis ("IT = Informationstechnik"). Der Beirat gibt eine Empfehlung ab, ein Präsidium tagt, ein Erlass ergeht.

Dann bricht die Katastrophe aus.

Das zumindest könnte glauben, wer den aktuellen Streit über das mobile Internet in Deutschland verfolgt. Die großen Netzbetreiber Deutsche Telekom, Vodafone und Telefónica warnen vor einem "Desaster", Politiker raunen von einem möglichen Verstoß gegen das Grundgesetz, eine Lobbyschlacht erreicht ihren Höhepunkt.

Der Grund für die Aufregung ist die Versteigerung neuer Mobilfunklizenzen. Sie sind geeignet für eine neue Mobilfunktechnik, mit der sich Daten bis zu hundertmal schneller übertragen lassen als im bisher schnellsten Standard, der auf Handy-Displays als LTE erscheint. Der neue Standard trägt den Namen 5G. Die dafür geeigneten Sendemasten sollen einmal das ganze Land versorgen – und werden mit allerlei Heilserwartungen aufgeladen.

Sie sollen die deutschen Unternehmen aufholen lassen, was sie bei der Digitalisierung verpasst haben, das wünschen sich die Industrieverbände; sie sollen die Menschen zu Bahnfahrern machen und Züge besser aufeinander abstimmen, davon träumen die Bahnverbände; und natürlich sollen sie der Autoindustrie helfen, den lästigen Diesel vergessen zu machen und das Versprechen vom autonomen Fahren einzulösen.

Telekomanbieter, die dieses Himmelreich erschließen wollen, müssen die Frequenzen für den Mobilfunk vom Staat ersteigern. Die Bedingungen dafür hat die Bundesnetzagentur nun auf jenen 174 Seiten festgelegt, über die am Montag final beraten wird.

Natürlich hat es die Behörde in dem Verfahren mit Telekomkonzernen, Autobauern und Bahnmanagern zu tun. Aber nicht nur: Auch die Bundeslotsenkammer, der Hotelverband Deutschland, die Industrie- und Handelskammer Erzgebirge oder der deutsche Bauernverband haben ihre Wünsche übermittelt. Sie alle wollen, dass die Behörde die Vergabe der Frequenzen an Bedingungen knüpft, die ihnen Vorteile bringen. "Wir werden mit Forderungen bombardiert", klagt ein Mitglied des Agentur-Beirats.

Tatsächlich ist die Debatte um die Frequenzvergabe zu einer Symboldebatte geworden. Sie schürt unrealistische Erwartungen, übertreibt die Folgen für die Digitalisierung und überlagert Fragen wie diese: Kann es mehr solchen Wettbewerb im Mobilfunk geben, von dem die Kunden etwas haben?

"Es ist der Eindruck erweckt worden, dass es mit der Versteigerung um die Zukunft Deutschlands ginge", sagt Jochen Homann, Präsident der Bundesnetzagentur. "Das trifft natürlich nicht zu."