Wenn der Feierabendverkehr den zentralen Kreisverkehr in Wentorf bei Hamburg wie eine große, langsam anrollende Lawine erreicht, wird es hektisch in der kleinen Gemeinde. Der Kreisel ist einer dieser Fixpunkte im Pendleralltag: Bevor es nach Hause geht, schnell noch in die Sparkasse, in die Apotheke, ins Reformhaus, zum Supermarkt oder in den Imbiss "Oase". Wer beim Weiterfahren noch einmal aus dem Autofenster blickt, der sieht etwas, das nicht in die aufgeräumte Vorort-Atmosphäre passt: den Laternenmast am Rand mit einem dezenten Schild, davor die Blumen und ein kleines Windlicht am Rand des Gehwegs. Es ist der Ort, an dem Annika auf dem Weg zur Schule ums Leben kam. Der Fahrer eines Streufahrzeugs hatte die 14-Jährige auf ihrem Fahrrad übersehen. Beim Rechtsabbiegen überrollte sie der Wagen. Das war vor mehr als zehn Jahren. Die Blumen an der Laterne sind aber nur einige Tage alt.

"Annika ist immer da, auch heute noch", sagt Anja Meyer*, die Mutter. "Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an Annika denke", sagt Jörg Stein*, der Vater und Meyers Exmann. Doch wer ständig die Blumen, manchmal aber auch Briefe und einmal im Jahr einen kleinen, geschmückten Weihnachtsbaum am Wentorfer Kreisel ablegt, das wissen sie nicht.

Mehr als 3.000 Menschen sterben jedes Jahr im deutschen Straßenverkehr. Wer einen längeren Weg über Deutschlands Landstraßen fährt, dem fallen sie immer wieder auf: kleine Gedenkkreuze, die aus einer Unfallstelle einen Erinnerungsort machen. Was bedeuten sie den nächsten Angehörigen?

Annikas Eltern, Anja Meyer und Jörg Stein, sitzen vor dem Haus der evangelischen Gemeinde in Börnsen, einem Nachbardorf von Wentorf. Hier wollen sie darüber erzählen, wie es ist, auf dem Weg zur Arbeit täglich am Todesort der eigenen Tochter vorbeizufahren. Und darüber, wie es ist, wenn man sich diesen Schicksalsort mit völlig Fremden teilt, aber nie weiß, mit wem. Sind es ehemalige Klassenkameraden, entfernte Bekannte oder gar der Unfallfahrer selbst?

Wer die Bedeutung eines Unfallortes für die Hinterbliebenen verstehen will, muss zunächst eine Reise in die Vergangenheit machen. Zum 7. Januar 2008, Annikas Todestag. Da lebten Meyer und Stein schon zehn Jahre getrennt, geschieden waren sie auch. Sie hatten neue Partner gefunden und neue Familien gegründet. Das Verhältnis blieb eng und freundschaftlich, sie wohnten nur wenige Kilometer voneinander entfernt, Steins neue Stiefkinder wurden zu Annikas besten Freunden. Annika, sagt Meyer, sei ein lebensfrohes Mädchen gewesen, "ein Sonnenschein", beliebt und mit vielen Freunden. Selbst die Schule habe ihr immer Spaß gemacht, gut war sie noch dazu. Annika wohnte weiterhin bei ihrer Mutter, die mit ihrem neuen Mann noch einen Sohn bekam. Stein und Meyer waren ein Musterbeispiel für einen Neuanfang nach einer gescheiterten Ehe. Zehn Jahre lang, dann kam ein grau-kalter Montag, Annikas Unfall, und innerhalb weniger Minuten brachen die zwei neu aufgebauten Welten zusammen.

Wenn Anja Meyer die Erinnerungen an den Unglückstag an sich heranlässt, kommt alles wieder hoch, auch die Tränen. Sie streckt den Rücken durch, strafft ihre rote Bluse, streicht sich die Haare aus der Stirn und tupft sich mit einem Taschentusch die Tränen aus dem Gesicht. Dann erzählt sie vom schlimmsten Tag ihres Lebens. Vom Polizisten aus dem Ort, der die Nachricht überbrachte. Vom Anruf bei ihrem Exmann, der nur wenige hundert Meter entfernt nichts ahnend auf dem Weg zur Arbeit war. Vom Gespräch mit dem Ersthelfer, der Annikas Leben nicht mehr retten konnte. Von der Fassungslosigkeit und dem Schmerz, als das Gehirn die Informationen schließlich verarbeitete.

Wenn er die Gedanken an Annikas Todestag zulässt, muss auch Stein weinen. Er nimmt die Brille ab, fährt sich mit der Hand über die Halbglatze und wischt sich die Tränen mit dem Ärmel aus dem Gesicht. Er hat andere Bilder vom Unfalltag im Kopf. "Das war der erste Schultag nach den Winterferien. Annika hat sich total auf den Schulbeginn gefreut", sagt er. Der Winter war ungewöhnlich warm und es hatte kaum geschneit. Doch ausgerechnet an jenem dunklen Januarmorgen ist ein Streufahrzeug der Gemeinde unterwegs. Stein war das Streusalz auf dem Weg zur Arbeit selbst aufgefallen. Es ist der Lastwagen, der Annika erfasst, als sie sich auf ihrem Fahrrad im toten Winkel nähert. Der weiße Umriss, den die Polizei hinterher, bei der Rekonstruktion des Unfalls, auf die Straße zeichnet, hat sich unauslöschlich in sein Gedächtnis gebrannt.

An die Wochen danach erinnern sich beide eher bruchstückhaft. "Mir war damals wichtig, dass Annikas Freunde und Mitschüler Abschied nehmen können", sagt Meyer. Die Menschen in Wentorf bekundeten ihr Beileid unterdessen mit Hunderten Blumen und Kerzen am Straßenrand. Meyer plante für Annikas Klassenkameraden einen "Abschiedstag" vor der Beerdigung, richtete einen Raum mit Fotos und Erinnerungsstücken ein und organisierte monatliche Treffen mit ihnen. Sie ist jetzt wieder völlig gefasst. Die Polizeiakten und Zeitungsartikel sammelte sie damals in einem großen Ordner. "Ich hatte das Bedürfnis, das alles zu dokumentieren", sagt sie. Und sie wollte immer wieder über den Schicksalsschlag reden. "Dass die Leute sich nicht getraut haben, mich auf Annika anzusprechen, aus Angst davor, alte Wunden aufzureißen, das war das Schlimmste für mich", sagt sie heute.