Womöglich hat der Kollege es gut gemeint. Vielleicht hat er auch nicht richtig nachgedacht. Und bestimmt nicht zugehört. "Anne-Sophie Mutter des Ostens", stand da irgendwann irgendwo. Das ist natürlich ein fatal klebefestes Etikett. Nur mit Franziska Pietsch hat es wenig zu tun, nichts mit ihrem Ton, der nicht um jeden Preis rund und schön sein will, wenn die Musik, von Bartók oder von Schostakowitsch, von dem erzählt, was nicht rund und schön ist in der Welt. Und wohl auch nicht mit ihrer Vorstellung von Musik als Überlebensmittel. Als Dringliches.

Immerhin: Auch Franziska Pietsch war einst ein Geigenwunderkind, aber in Ost-Berlin. Mit elf stand sie auf der Bühne der Komischen Oper und spielte Vivaldis Vier Jahreszeiten, und alles war gut. Den Talentscouts des Systems, auf der Suche nach Exzellenz in Sport, Wissenschaft, Kunst, bescheinigt sie feinen Spürsinn und im Spezialfall von Exzellenz an der Geige auch ein sicheres Differenzierungsvermögen: "Da wurde früh gesagt: Du bist ein Konzertmeistertyp, du gehst ins Orchester, du machst Kammermusik. In meinem Fall: Du kannst Solistin sein." Das hätte sie sein können und sollen: eine verdiente Kunstrepräsentantin des Arbeiter-und-Bauern-Staats.

Die Weichen waren also gestellt. 1984 aber, das DDR-Geigenwunderkind war gerade dreizehn und ein paar Tage vor ihrer Vorstellung beim wichtigen Menuhin-Wettbewerb in England, entgleiste der Zug. Der Vater, auch ein Geiger, wie die Mutter, im gleichen Rundfunkorchester, blieb nach einem Gastspiel im Westen. "Er hatte sich für die andere Seite entschieden, und das wurde mein Schicksal." Von einem Tag auf den anderen war das Wunderkind ein potenzieller Staatsfeind. Fiel aus allen Förderungen. Fuhr nicht zum Wettbewerb. Musste sich weiterhin beim Lehrer melden, doch die Geige wurde nicht mehr ausgepackt. Stattdessen gab es "Mentalunterricht". Eine Dreizehnjährige sollte lernen, welches Unglück der Staatsverrat des Vaters bedeutete.

Es war ein Sturz aus einem bis dahin ziemlich heiteren Himmel. Nur einmal hatte es Krach gegeben, als der Sommer besonders schön war und Franziska tun wollte, was die anderen taten, ins Schwimmbad gehen, da durfte sie nicht. Ein Konzert im Gewandhaus stand an, sie musste weiterüben. Da hatte sie die Wand gespürt, an der es kein Vorbei gab, aber das war ein einmaliger Moment.

Man kann sich die junge Franziska Pietsch als ein im Ganzen glückliches Geigenmädchen vorstellen. Sie spielte, was junge Virtuosinnen spielen: Paganini, Wieniawski. Was sie im Rückblick den Zirkus des "Höher, schneller, weiter" nennt. Mit der Flucht des Vaters, die sie heute mutig findet, aber auch ein wenig unbedacht, endete das alles. Es stellten sich neue Fragen, die man wohl nicht verwechseln darf mit den normalen Sinnfragen einer Dreizehnjährigen. Aufgeben war durchaus eine Option.

Antworten fand sie in der Musik, aber auch in den Lebenswegen von Musikern. Schostakowitsch, Prokofjew, Bartók. Ein Thema mit Variationen: weitermachen, Kunst machen an den Grenzzäunen des Systems. Und eine schmerzhafte Erkenntnis: Das "System", das ihr den Weg geebnet hatte und nun verstellte, "das hatte ja nie mich gemeint, sondern bloß meine Funktion als Aushängeschild".

Die Zeit der Repressalien, der dauernden Überwachung endete ebenso plötzlich, wie sie begonnen hatte, nach zweieinhalb Jahren durfte Franziska mit Mutter und Schwester ausreisen. Es ist ihr wichtig, an diesem Novembermittag in einem Kölner Café ihrem Gegenüber begreiflich zu machen, wie diese Jahre waren, nämlich nicht bloß schwierig: "Es gab ja gar keine Aussicht, dass sich in absehbarer Zeit was ändern würde." Die BRD empfand sie dann als vollkommen anderes Land, gerade im Umgang mit Kunst. Wo sie herkam, war Musik für die Menschen ein Überlebensmittel, Licht in einer dunklen Welt. Im Westen war das anders.

Als Glück erfährt sie die Begegnung mit ihrem neuen, wichtigsten Lehrer. Ulf Hoelscher in Stuttgart macht nicht einfach weiter, er drückt ihr Bartóks Solosonate in die Hand. Kein Balsam für eine verletzte Seele, wie sie sagt, sondern das Gegenteil, ein Wühlen in der Wunde. Damals sei sie fern davon gewesen, die Tiefen dieses Stücks erfassen zu können. Aber sie nimmt den Kampf mit dem Ungeheuer auf, es wird das pièce de résistance ihres Neuanfangs. Türen gehen auf, eine große Agentur plant eine große Karriere. Doch "da war etwas noch nicht so weit. Ich wollte nicht, dass andere für mich entscheiden, diesen oder jenen Karriereschritt zu gehen. Ich dachte, nein, das ist wieder so ein Moment, wo jemand über dich drübertrampelt, deine Seele nicht sieht. Da habe ich gemerkt, dass da noch etwas leidet, nicht stimmig ist, deshalb konnte ich diesen Weg nicht weitergehen."