Um die halbe Welt bin ich geflogen, um jene zaubrischen Inseln zu besuchen, auf denen man angeblich der Schöpfung bei der Arbeit zusehen kann. Und dann das: Es stinkt im Paradies. Viehisch. Auf dem Pier, den Bürgersteigen, am Strand und sogar auf den Parkbänken des Hafenstädtchens Puerto Baquerizo Moreno auf San Cristóbal fläzen sich Hunderte Seelöwen. Gut so, einerseits. Denn dafür kommt man schließlich her: um auf Tuchfühlung zu gehen mit all jenen Geschöpfen, die sich im Irgendwo des Südpazifiks zu ganz eigenen Arten entwickelt haben. Andererseits schlecht: Ich habe ein wichtiges Reiseutensil vergessen – die Nasenklammer.

Mit zugehaltener Nase und vor Staunen offenem Mund steige ich über die chillenden Tiere und ihre Exkremente hinweg. Am Flughafen wurde gewarnt, keiner Kreatur näher als drei Meter zu kommen, aber das ist bei der Fülle an braunen, stromlinienförmigen Leibern schlicht unmöglich. Außerdem wirken sie zahm, auch wenn sie niemals gezähmt wurden. Wir Menschen sind ihnen einfach egal, schon immer seit der Entdeckung der Galapagosinseln vor knapp 500 Jahren. Ihr permanentes rülpsendes Rufen ist denn auch keine Warnung an den Eindringling, sondern lediglich Seelöwen-Small-Talk, wie es ihn bestimmt auch schon vor zwei Millionen Jahren gab, als sich die Insellöwen von ihren kalifornischen Festlands-Verwandten lösten.

Seelöwe: Leistet mitunter Schwimmern Gesellschaft. Aber Vorsicht vor den größeren Bullen! © Fautre/Le Figaro Magazine/laif

Die Landplage für geruchsempfindliche Gemüter ist eine absolute Rarität. Die hiesigen Seelöwen sind endemisch, das heißt, es gibt sie so nirgends sonst auf der Welt. Natürlich hat nahezu jeder Lebensraum seine Endemiten. Auf den Galapagosinseln aber ist beinahe jede zweite Art endemisch – eine einzigartige Dichte der Einzigartigkeit. So abgeschieden liegt der Archipel tausend Kilometer vor der Küste Ecuadors, dass die Evolution dort die längste Zeit wie unter Laborbedingungen ihren Gang ging. Die Spezies, die es auf verschlungenen Wegen von Südamerika aus auf die Inseln verschlagen hatte, passten sich der neuen Umgebung erstaunlich rasch an. Es waren die signifikanten Unterschiede zu den Verwandten auf dem Kontinent, die Charles Darwin bemerkte, als er im Jahr 1835 einen knappen Monat zwischen den mehr als hundert Inseln und Felsnasen herumschipperte. Obwohl permanent seekrank, sammelte er manisch Proben der Tier- und Pflanzenwelt (der Kapitän seines Schiffes hielt alle Fundstücke für "offensichtlichen Müll"). Erst viel später wird Darwin klar, was er da im "Zentrum der Schöpfung", wie er die Inseln nannte, entdeckt hatte – sein weltumstürzendes Buch Über die Entstehung der Arten erscheint ein Vierteljahrhundert nach dem Galapagos-Stop-over.

Auch dem modernen Besucher fällt das Sensationelle der Inseln nicht sofort ins Auge. Klar, Wasser, Wetter, alles tropisch perfekt. Und in keinem Zoo der Welt, geschweige denn in freier Natur, kommt man wilden Tieren so mundgeruchnah wie hier, wo man dem arrogant guckenden Pelikan am Pier den Kehlsack kraulen könnte. Aber vollständig ergreift einen der Mythos Galapagos nur, wenn ein fachkundiger Führer einem erklärt, was man sieht.

Unser Guide heißt Morris Garcia, 35, Insulaner in dritter Generation, seit 17 Jahren im Dienst der Nationalparkbehörde, eine Mischung aus Naturbursche und wandelndem Universallexikon. Auch ohne ihn stünde unsere international zusammengewürfelte Reisegruppe zwar staunend vor der Galapagos-Riesenschildkröte, die in der Aufzucht- und Schutzstation "David Rodriguez", wenige Kilometer inseleinwärts vom Hafen, starren Blicks an uns vorbeischlurft, bei jedem Schritt ihrer Urweltfüße knisternd wie ein Stück altes Pergament. Aber erst Morris’ Erzählungen bescheren uns in der Tropenhitze eine Ergriffenheitsgänsehaut. Nur zwölf Exemplare dieser Urzeitüberbleibsel lebten Anfang der 1970er-Jahre noch. Weil die mehrere Hundert Kilo schweren Tiere bis zu zwölf Monate ohne Essen und Trinken auskommen können, hatten Piraten und Seefahrer die meisten einfach als lebende Konservendose mit an Bord ihrer Schiffe genommen und verspeist. "Und die Babys wurden als Souvenirs an Touristen verkauft", sagt Morris. Ein paar Jahre mehr Unvernunft, und wir könnten die Tiere, die den Inseln den Namen gaben, nicht mehr bestaunen.

Aber Morris öffnet nicht nur unsere Augen, er überwacht auch unsere Schritte. Frei bewegen dürfen wir uns nicht in diesem fragilen Biotop. Auf exakt vorgegebenen Routen kreuzen maximal 88 kleine und größere Schiffe zwischen den Inseln. Unser Boot, der 35-Meter-Katamaran Petrel (benannt nach dem englischen Begriff für Sturmvögel), hat acht Kabinen, eine eigene Meerwasserentsalzungsanlage, dazu genug Personal und vom Festland eingeflogene Verpflegung an Bord, um uns zu verwöhnen wie im Luxushotel.

Vier Tage sind wir entlang der sogenannten Südroute unterwegs. Auf Española, der achtgrößten der Inseln, strahlt die Gardner Bay im Sonnenaufgangslicht so rein, klar und harmonisch, als sei sie gerade erst fertig geworden. In zwei Schlauchbooten setzen wir über; aus dem weißen Pudersand erheben sich schwarze Lavafelsen wie abstrakte Skulpturen. Träge winken uns die Seelöwen mit einer Flosse aus dem handwarmen Meer zu. Am Flutsaum verwittert ein Walbabyskelett – selbst der Tod sieht hier hinreißend aus.