Die Hälfte des Lebens ist irgendwann vorüber, dann beginnen die Gelenke zu schmerzen, die Liebe fällt schwächer aus, falls sie sich nicht ganz verflüchtigt, am beunruhigendsten aber ist, dass man sich selbst interessant zu finden beginnt. Beileibe ist dann nicht alles vorbei, bloß steigt für so ziemlich alles der körperliche und seelische Aufwand an. Sechs Kopenhagener Freunde, "Gefährten" – eigentlich sind es eher Stimmen, Perspektiven oder Sichtweisen –, haben diesen Zustand erreicht. Und er ist überraschenderweise erzählenswert.

Sie sind Mitte vierzig, vielleicht etwas älter, Post-Babyboomer, gebildet, gut situiert und mit der Gabe der Selbstironie ausgestattet. Sie waren mal Hippies und kennen die Rauschmittel. Wenn sie erzählen, klingen sie gelegentlich larmoyant, aber nicht zu sehr. Der Leser nimmt in ihrer Stimmpartitur ein drei Jahrhunderte währendes Training des skandinavischen Protestantismus wahr: den Geständnis- und Bekenntniszwang, vor allem in der Gruppe. Hier allerdings wird er auf souveräne Weise zur Literatur. Dass man Camilla und Charles, Alma und Kristian, Alwilda und Edward gebannt folgt, liegt auch an deren Blick für die Skurrilitäten, die das Altern mitbringt, für die Techniken des Selbstbetrugs und den Ego-Kitsch, den man dabei notgedrungen produziert.

Von Christina Hesselholdt – Jahrgang 1962 und in ihrem Land eine literarische Größe – liegt nun ein erster aus dem Dänischen sehr schön ins Deutsche übersetzter Roman vor. Ja, eine Entdeckung ist zu machen. Das Buch ist zwar nicht "herrlich leicht", wie der Verlag ankündigt, seine Stimmungen ähneln über weite Strecken vielmehr der graugrünen, nebligen Landschaft dort oben, aber der Stil ist luzide und pointiert. Gefährten liest sich flüssig, obgleich es selbstbewusste Literaturliteratur ist, voller Anspielungen und Zitate, manchmal verspielt bis zur Selbstverliebtheit. Das Beste: Einen Plot hat es im geläufigen Sinne nicht. Hier sagt eine Autorin, was sie zu sagen hat, in der Tradition des literarischen Modernismus. Unter Leitartikelromanen und Familiensagas wirkt das geradezu erfrischend.

Es sind Szenen und Miniaturen, aus denen sich dieser Roman im Wesentlichen zusammensetzt, einige verdichten sich zu geschlossenen Binnenerzählungen. Sechs Bewusstseinsströme geraten in Konfrontation, je eigene und gemeinsame Erinnerungen, sie umschlingen einander, eignen sich einander an und löschen sich auch aus, vielleicht entsteht am Ende ein Ganzes daraus. Das kann der Leser entscheiden. Atmosphären sind wichtiger als Begebenheiten, obschon es doch ein lockeres Handlungsgerüst gibt. Im Verlauf trennen sich die drei Paare, alle durchstehen eine schwere Krise. Zwei Gefährten finden sich neu, die anderen arrangieren sich mit dem veränderten Zustand.

An Äußerlichkeiten verrät die Autorin nicht viel, ein paar notwendige Orts- und Zeitangaben; einer ist Arzt, eine Lehrerin, zwei arbeiten als Schriftstellerinnen. Camilla bildet eine Art Zentrum. Camilla klärt ihr Verhältnis zur Mutter, einer Psychiaterin, die Suizid verübte. Kein leichtes Erbe ist das, und die Tochter wurde darüber unstet und von Schlafmitteln abhängig. Ihr Mann Charles, über viele Jahre ein solidarischer Lebensgefährte, lebt, rückenkrank, von Schmerztabletten. Edward verkriecht sich in das Ehebett seiner toten Eltern; Alwilda treibt manisch Sport. So skizziert, klingt das furchtbar Ingmar-Bergman-haft und depressiv, und wenn es ohne Depression auch nicht abgeht, erscheint alles Erinnerte in diesem Buch doch distanziert, mit Blick fürs Groteske auch des schlimmsten Elends – vor allem aber für die literarische Überformung, in der es erfahren wird. "Ich bin Nachfahre von Heimweh und Abschiedskrankheit", erkennt Camilla, "Erbe von Melancholie und Euphorie."

Die beginnende Alterung bringt Schwächung mit sich. Das alte Ich zerfällt, und kein neues ist in Sicht. Auch das Leben gerät langsam aus den Fugen. Dass man sich und einander fremd wird, lässt sich nicht mehr aufhalten. Also setzt eine Suche nach neuen Intensitäten ein, aber die Seitensprünge sind nur Quellen erneuter Enttäuschung. Hesselholdts Figuren registrieren die eigenen Dekompositionsprozesse genau, geübt in der Selbstbeobachtung und aus ihr Trost, auch große Lust schöpfend. Die Töchter der Analyse- und Therapiegesellschaft suchen nach einer Form. Und die finden sie im Schreiben und Leben der großen Altvorderen, vor allem der Schriftstellerinnen.

Immer wieder gehen die Frauen auf Reisen, auch dadurch erhält der Roman Struktur, sie durchstreifen literarische Landschaften wie Yorkshire und den Lake District, auf der Suche nach Dorothy Wordsworth oder nach Emily Brontë, sie spähen neugierig die Häuser aus, in denen Sylvia Plath oder Virginia Woolf gelebt haben. Deren Lebensumstände waren drückend, die Niedergeschlagenheit oft unerträglich, aber sie schrieben trotzdem. Sie behaupteten sich, was den Jüngeren so nicht mehr gelingen will. Edward, der sich am Ende einen tröstenden kleinen Hund kauft, erkennt auf einer dieser Fahrten, "dass das Wesen der Kunst darin besteht, anderen Menschen eine bestimmte Sichtweise aufzuzwingen". Es ist auch ein Satz über Christina Hesselholdts Roman: Denn dieser Roman zwingt keinem mehr eine Sicht auf, sondern er wählt die skrupulöse Vielstimmigkeit, wie seine Figuren entsprechend vorführen, dass keine "zwingenden" Subjektivitäten mehr existieren, nur noch Egos in Auflösung, fortysomethings, die sich je nach Stimmungslage als psychiatrische Fälle genauso betrachten wie als gelassene Zeitgenossen.

Die Verschränkung des Klinischen mit dem Ästhetischen ist ein bewährtes literarisches Motiv. Hier wird es ganz überraschend und heutig präsentiert. Die sechs Kopenhagener sind einerseits die Protagonisten eines für sich lesenswerten Generationenporträts, eines Porträts, das glücklicherweise ganz ohne Soziologie und Thesen auskommt, andererseits bilden sie das Material für einen späten, ironisch-morosen Modernismus des Erzählens. Diese Suche nach einem Ort im Leben und nach einem Ort in der literarischen Tradition wirkt keineswegs epigonal, sondern höchst zeitgenössisch.

Präzis beobachtende und höchst gelehrte Schriftstellerei also: In T. S. Eliot, Nadine Gordimer, V. S. Naipaul spiegeln sich die Figuren genauso wie in Thomas Bernhard, der Colette oder in Iris Murdoch. Man könnte einwenden, dass die sechs Stränge in diesem Buch sich sprachlich zu wenig unterscheiden, dass die einzelnen in ihnen kaum Relief gewinnen. Aber wie die Körperformen der Geschlechter sich in jenem mittleren Lebensalter, das eben nicht nur Verfall, sondern auch Transformation ist, langsam zu ähneln beginnen, so auch deren Bewusstseinslagen. Es könnte sogar sein, dass sich all die Stimmen, diejenigen der Romangestalten und der Dichter, der Toten und der Lebendigen, zu einem geteilten Bewusstsein verdichten, einem, das zugleich zerfällt und sich immer wieder bildet, zu einer imaginären Übersubjektivität, die Leiden und Wirklichkeit mit einem Hauch von Sinn umfängt.

Nichts anderes wäre das als ein Roman, vielleicht auch nur die Utopie eines Romans. So heißt das Vorbild, um das hier alles kreist, Virginia Woolf – vor allem deren Orlando und Die Wellen. Christina Hesselholdts Schreiben ist ebenfalls sehr weiblich, sie lässt daran keinen Zweifel. Den feministischen Blick kennt sie, aber über Trivialitäten in dieser Hinsicht ist sie hinaus. Mag der Humor dieser Autorin fein und sardonisch sein, ihre Männer sind niemals läppische Kontrastfiguren. Das hat etwas "Skandinavisches", und von Deutschland aus betrachtet, wirkt es beinahe exotisch. Auch dies ist ein Zeichen der Reife: Wohlwollen aus Selbsterkenntnis gewähren zu können, Verbundenheit zu zeigen aus erfahrener eigener Not.

Bücher wie die Gefährten erinnern daran, wie gering die Kenntnis der zeitgenössischen Literatur kleinerer Länder hierzulande immer noch ist. Oft genug erschöpft sich die Neugier im Aufspüren von etwas Nationalem oder Plakativem. Auch dieses Buch hat sein Kolorit, es stammt aus einer nüchternen und bedächtigen Welt. Gleichwohl ist es das Werk einer im allerbesten Sinn europäischen Schriftstellerin.

Christina Hesselholdt: Die Gefährten. A. d. Dän. von Ursel Allenstein; Hanser Verlag, Berlin 2018; 448 S., 25,– €, als E-Book 18,99 €