Am Ende waren es rund 300.000 Menschen, die in gelben Warnwesten Plätze, Brücken und Autobahnauffahrten der Republik besetzten. Auf ihren Transparenten standen Slogans wie "Ich bin ein wütender Gallier!" oder "Wir sind keine Milchkühe!" oder "Besteuert lieber die Reichen!".

Seit Monaten steigen in Frankreich die Spritpreise – weil die Regierung das so will. Bis 2020 soll die Mineralölsteuer im Sinne des Umweltschutzes schrittweise steigen. Dass die Verbraucher sich darüber freuen würden, hat wohl niemand erwartet. Dass eine riesige soziale Gegenbewegung entstehen würde, hat die Entscheider in Paris dann aber doch überrascht.

Wer sind die "Gilets Jaunes", die "Gelben Westen"? Wer führt sie an, was können sie erreichen?

Das ist den Franzosen bislang ein Rätsel. Die Demonstranten in den gelben Westen haben offenbar keine klaren Anführer, ihre Bewegung folgt keiner festen Struktur. Eher sind es einzelne Westenträger, die wiederholt in Talkshows oder in den Abendnachrichten auftauchen und dadurch halb prominent geworden sind. Die großen französischen Medien halten sich mit der Einordnung der Bewegung denn auch bislang zurück und geben die Demonstranten eher im Wortlaut wieder. Die Leute wollten einfach ihren Frust zum Ausdruck bringen, sagte einer der Westenträger der Zeitung Le Parisien. Eine andere: Ich habe halt eine große Klappe.

Je mehr Demonstranten gehört werden, desto deutlicher wird, dass vielen von ihnen selbst unklar ist, warum sie sich eine Warnweste übergezogen haben, auf der Straße Reifen anzündeten und Autobahnmautstellen blockierten. Es ist, als habe nun der Funke ein Feuer entfacht, das schon länger schwelt.

Ihren Anfang nahmen die Demonstrationen wohl Ende Mai 2018 mit einer Petition im Internet. Priscillia Ludosky, 33, schwarz, die in einem Vorort von Paris wohnt und einen Onlineshop für Naturkosmetik betreibt, rief die Franzosen auf, sich gegen den teurer werdenden Sprit aufzubäumen. Knapp eine Million User haben bis heute unterschrieben. Andere Bürger riefen auf Facebook zum Protest auf der Straße auf, darunter der Lkw-Fahrer Eric Drouet, ebenfalls 33, der mit seinen wütenden Posts Zehntausende Follower gewann. Für den kommenden Samstag hat er eine neue Facebook-Veranstaltung angelegt: "Zweiter Akt der Gelben Westen".

Die Weste deutet darauf hin, dass sich die ganze Sache irgendwie ums Autofahren dreht. Tatsächlich regen sich viele in den sozialen Netzwerken über die Spritsteuer auf.

Was bewegt die Bewegung?

Soziologen versuchen die Bewegung zu erforschen, während sie noch agiert. Umfragen ergaben, dass viele Demonstranten mehr als 50 Kilometer in der Woche fahren, auf das Auto angewiesen sind. In der Mehrzahl sind unter den Befragten aber diejenigen, die selten oder nie Auto fahren. Das Auto ist also nicht entscheidend für die Teilnahme an den Protesten, heißt es in einer Studie des Instituts Odoxa.

Weitere Daten der Umfragen zeigen: Es demonstrieren mehrheitlich Franzosen, die auf dem Land oder in den Vorstädten wohnen. Sie haben eher geringe berufliche Qualifikationen, und sie sind jung. Außerdem sympathisieren viele mit der Partei von Marine Le Pen, die seit einiger Zeit Rassemblement National heißt. Dazu passt, dass einige der Demonstranten Verschwörungstheorien verbreiten – die Regierung habe am Rande einer Demonstration am Samstag eine Frau umbringen lassen und die Tat in die Schuhe der Gelben Westen geschoben. Auch die rassistischen Ausfälle vom Wochenende deuten in diese Richtung: Demonstranten hatten eine dunkelhäutige Autofahrerin, nachdem sie in eine Blockade geraten war, als "Schlampe" beschimpft, die "nach Hause" gehen solle. In Bourg-en-Bresse wurde ein schwuler Lokalpolitiker beleidigt. In Besançon ein Journalist von Demonstranten ins Gesicht geschlagen.

Marine Le Pen hat eine lange Durststrecke hinter sich, nun sieht sie eine Chance darin, die Bewegung für ihre Politik einzunehmen. Ihre Auftritte häufen sich, sie benutzt wieder ihr altes Lieblingswort peuple, Volk. So einfach lassen sich die Demonstranten allerdings nicht instrumentalisieren. Einige ließen wissen: "Was wir hier heute machen, kann von einer Partei nicht vereinnahmt werden, weil wir gegen die Politik allgemein protestieren."

Laurent Wauquiez, Vorsitzender der Konservativen Partei, versucht ebenfalls, politisches Kapital aus der neuen Bewegung zu schlagen. Es sei die ständige Rücksicht auf die Ökologie, die die Franzosen zu Recht auf die Barrikaden bringe. Doch als Wauquiez auf einer der Versammlungen der Gilets Jaunes im Departement Haute-Loire auftauchte, war er dort unerwünscht. Tatsächlich demonstrieren auch Umweltschützer. Die Mitbegründerin der Bewegung, Priscillia Ludosky, sagt: Warum wird nicht Kerosin besteuert, sodass das Fliegen teurer wird? Das träfe ein anderes Milieu.

Was bewegt die Bewegung? Die Liebe zum Auto? Das ökologische Bewusstsein? Ein diffuseres Unwohlsein? Es ist wohl eine Mischung aus verschiedenen Motiven. Für den Präsidenten könnte sie explosiv werden.

Emmanuel Macron verbrachte das Protestwochenende in Deutschland, wo er für Europa warb. Die Demonstranten nahmen das nicht gut auf. Was fährt der denn jetzt ins Ausland, wie abgehoben kann man sein, kommentierten viele User auf dem Instagram-Account des Präsidenten, wo er Bilder der Kranzniederlegung Unter den Linden postete. Allerdings ist seine Berlin-Reise vielleicht gar nicht die Fehlleistung eines Präsidenten, der verdrängt, sondern Strategie. Er macht einfach weiter. Er will die Franzosen zum "Richtigen" zwingen. Die Spritsteuer ist eines von vielen ehrgeizigen Projekten des Präsidenten. Sie ist in seinen Augen vernünftig. Und so hält sich Macron an das wichtigste Prinzip strenger Eltern: nicht nachgeben, nur um sich beliebt zu machen. Auch wenn es einsam macht.