Es ist besser, sich hochzuschlafen als runter: lieber ein Date auf einer schönen Terrasse als zu Mindestlohnkonditionen auf dem WG-Teppich. So muss man es natürlich nicht sehen, aber ein polemisches Gedankenspiel dazu schadet nicht. Denn seit MeToo vor etwas über einem Jahr die Geschlechterdebatte neu entzündet hat, ist die Nachricht laut und deutlich angekommen: Männer sollten genau nachdenken, bevor sie gewisse Dinge tun, vor allem, wenn sie nicht mehr ganz frisch aussehen oder komische Haare haben. Und vor allem, wenn sie beruflich derartig erfolgreich, also machtvoll sind, dass andere etwas von ihnen wollen (zum Beispiel Geld, Jobs, Anerkennung). Gemeint sind hier selbstredend nicht Sexualverbrechen oder ethisch fragwürdige Ausbeutungsverhältnisse, sondern Alltagskabbeleien. Mit Kolleginnen, Angestellten, Untergebenen dinieren, flirten, grabbeln, ins Bett gehen. Kurz, die eigene Machtposition, ob direkt oder indirekt, einsetzen, um an Sex zu kommen.

Was aber ist die Nachricht von MeToo an Frauen, außer: "Ihr seid immer noch Opfer"? Vielleicht so etwas wie "Stürzen statt Hochschlafen". Diesen Oktober veröffentlichte die New York Times eine Liste von 201 einflussreichen (amerikanischen) Männern, die wegen MeToo Stelle und Anerkennung verloren. Knapp die Hälfte von ihnen wurde durch Frauen ersetzt, zudem trugen Frauen historische Siege bei den diesjährigen US-Kongresswahlen davon. Es waren Frauen, die kraft Leistung und MeToo-Bewegung in hohe politische Ämter gewählt wurden. Die implizite Botschaft von MeToo an die Frauen könnte also sein: Mit Hübschheit, Erotik, gar Sex ans Ziel zu gelangen – dieser Weg ist nun blockiert. Niemand kann mehr ausnutzen, dass manche Männer (seltener Frauen) brünftige Hirsche sind, die man mit wenigen Hüftschwüngen zu fast allem bringen kann. Googelt man heute "sleep your way to the top", stößt man auf Anleitungen zum Schönheitsschlaf. Heißt, die Schotten sind nun dicht, alle müssen sich in Zukunft auf gleiche Weise anstrengen.

Nur wenig ist aus Sicht des Feminismus fragwürdiger und geächteter als die Femme fatale, jene in Literatur und Film zwar kluge, doch unterprivilegierte Frau, deren einziges Aufstiegsmittel die Verführung war. Passé sind Frauen, deren durch Ellbogenkulturen verursachte Profilneurose sie zu Scharwenzelnden machten, die in Firmen oder Kanzleien, an akademischen Instituten oder Restaurantküchen den Koryphäen hinterhertaperten und sich wie Kammerfrauen in der Hierarchie nach oben orientierten. Stets bereit, für die Karriere sehr weit zu gehen. Einst waren Frauen stolz, es mithilfe eines Mannes geschafft zu haben – und warum auch nicht. Das durch MeToo eingeleitete "Ende des Mannes" ist nun zu einem gewissen Grade auch das Ende jenes Typus Frau.

2014 sang Lana Del Rey Fucked My Way to the Top und meinte damit sich und Harvey Weinstein, dem sie das im melancholischen Fünfzigerjahre-Timbre gesungene Cola widmete: "Harvey’s in the sky with diamonds, and it’s making me crazy. All he wants to do is party with his pretty baby." Inzwischen dementiert Del Rey alles. Um Weinstein sei es nie gegangen, nein. Kurz vor dem Weinstein-Skandal erschien in der Zeitschrift Rebel Circus der Artikel Celebrities who slept their way to the top. Aufgelistet waren Gwyneth Paltrow, Jessica Alba, Blake Lively, der sogenannte Harvey Weinstein Club. Viele davon klagten den Produzenten später an. "Das ist der Schlüssel zu Hollywood", hieß es augenzwinkernd im Text. "Zeig ihm ein bisschen Schulter, und du wirst ein Star!" Hochschlafen wurde womöglich mit verächtlichem Kopfschütteln quittiert, aber oft auch mit humorvollem Schulterzucken. Lag das an mangelnder Sensibilität für das Leiden der Frau in der Gesellschaft? Ging es um überkommenen, tief im patriarchalen Bewusstsein verankerten Sexismus? Oder ist es vielleicht nicht doch irgendwie verständlich, wenn Menschen aus ihren körperlichen Gaben das Beste herausholen?

Hollywood, Sinfonieorchester, Ivy League, Dichterbünde: Es sind elitäre Welten, deren "Mitgliedschaft" Menschen mit bestimmter Herkunft vorbehalten ist, mit spezifischen Talenten oder Privilegien. Sie gehen oft einher mit der Riege derer, die über sexuelle Gefälligkeiten "hineinkommen" – denn Sex ersetzt alles, ist mächtiger als die Macht, wussten Homer, Shakespeare und Philip Roth. Frauen (und Männer) schliefen sich nicht selten nach oben, setzten für berufliche oder private Ziele nicht nur geistiges, sondern auch erotisches Kapital ein.