Michel de Montaigne, noch lebend porträtiert © Costa/Leemage/dpa

Früher pilgerten die Menschen zu den Gräbern ihrer Könige. Noch immer pilgern die Chinesen zum Grab von Mao Zedong. Wenn es aber für uns heute noch eines gäbe, das sich zum verehrungsvollen Besuch eignete, dann wurde es vielleicht gerade entdeckt, in einem kleinen Museum in Bordeaux, in einem Keller hinter Regalen verstaubter Skulpturen, in einer bislang unbeachteten, weiß bemalten Familiengruft: das über 400 Jahre alte Grab von Michel de Montaigne.

"Mit nichts habe ich mich in meinem Leben mehr abgegeben als mit dem Nachdenken über den Tod", schrieb der südfranzösische Adlige Montaigne in seinen 1580 erschienenen Essais . Doch sein Leben und Tod waren deshalb kein Trauerspiel. "Wenn ich tanze, dann tanze ich, wenn ich schlafe, dann schlafe ich." Montaignes erklärte Liebe zur Gegenwart machte ihn zum Vorausdenker der Aufklärung. Bis heute sind seine Essais so populär, dass in Frankreich und Großbritannien immer noch Bestseller über seine Lebensweisheiten erscheinen: "Sich keine Sorgen über den Tod machen", "Über alles nachdenken und nichts bedauern", "Gewöhnlich und unvollkommen sein", so fasste die englische Autorin Sarah Bakewell 2010 in ihrem Montaigne-Buch Wie soll ich leben? seine Antworten zusammen. Sie sah in ihm den ersten Blogger der Welt.

Seinem Leichnam aber war bisher nicht näher zu kommen. Noch seine Ehefrau Françoise hatte ein Zenotaph in Form einer liegenden Skulptur Montaignes errichten lassen, das sich heute in dem kleinen Museum zwischen Kathedrale und Rathaus von Bordeaux befindet. Früher war auf dem Gelände eine Universität, bei ihren Studenten war es jahrhundertelang Sitte, Montaignes Füße zu küssen, bevor man in eine Prüfung ging. Noch früher beherbergte dort ein Kloster das Zenotaph. Françoise de Montaigne hatte die Leiche ihres Ehemannes den Mönchen übergeben – allerdings ohne sein Herz, das sie auf dem geliebten gemeinsamen Landschloss verwahrte.

Doch nach Montaignes echtem Grab im ehemaligen Klosterkeller suchte niemand, bis vor einem Jahr das kleine Museum einen neuen Direktor bekam. Der hörte die Gerüchte und handelte. Zwei kleine Löcher ließ er in die bislang unbeachtete Gruft im Museumskeller bohren, eine winzige Kamera machte Bilder vom Inneren, und siehe da: es fand sich ein Sarg mit einer Kupferplakette, auf der der Name Michel de Montaigne eingraviert ist. "Bewahren wir einen kühlen Kopf, noch wissen wir nicht, ob wir Montaigne wiedergefunden haben", mahnte Bordeaux’ Bürgermeister Alain Juppé, fügte jedoch hinzu: "Aber wenn er es ist, dann ist es ein großer Augenblick." Den endgültigen Beweis sollen DNA-Vergleiche mit noch lebenden Nachkommen Montaignes erbringen.

Der Museumskeller soll zur archäologischen Großbaustelle werden, "nach allen Regeln der Kunst", wie die Kuratorin Katia Kukawka gegenüber der ZEIT erklärte. Mehrere Jahre könne es dauern, dann aber, hofft Kukawka, werde das echte Grab Montaignes zugänglich sein. "Jeder französische Abiturient muss Montaigne lesen. Jeder weiß von ihm, dass im 16. Jahrhundert nicht die Indianer die Barbaren waren, sondern wir." Noch immer auch gelte er den Schülern als Glücksbringer. Warum, wusste schon Friedrich Nietzsche: "Dass ein solcher Mensch geschrieben hat, dadurch ist wahrlich die Lust, auf dieser Erde zu leben, vermehrt worden", schrieb der deutsche über den französischen Philosophen.