Frage: Herr Gargiulo, wie hat Ihnen das "katholische" Grossmünster gefallen?

Francesco Gargiulo: Sie haben es schon hübsch dekoriert (lacht) ... Aber wenn man wirklich einen Eindruck bekommen will, wie diese Kirche vor der Reformation aussah, muss man nach Pavia gehen, in der Umgebung von Mailand. Dort steht die Basilika San Michele. Das ist eigentlich wie eine Kopie. Man sieht die gleichen romanischen Bögen, die Empore, die Zugänge zur Krypta, die hier ursprünglich auch vorne waren, nicht seitlich. Hier hat man sie nach der Reformation zugeschüttet und erst viel später wiederentdeckt.

Frage: Seit wann sieht das Grossmünster ungefähr so aus wie jetzt?

Gargiulo: Es wurde immer wieder verändert. Zwingli ließ 1526 einen Kanzellettner einbauen, eine Mauer vor dem Chor, und darauf eine Kanzel. Damit das Wort im Zentrum stand und man das auch sah! Das wurde im 19. Jahrhundert wieder rückgängig gemacht. Die Bänke und der Boden sind ungefähr von 1912. Beides hat den Charakter der Kirche extrem verändert. Ich werde oft gefragt, ob das Grossmünster neoromanisch ist. Dabei ist es fast tausend Jahre alt! Nach dem letzten Turmbrand von 1763 gab es sogar die Idee, die Kirche abzubrechen. Man hatte das Gefühl, der romanische Baustil ist zu dunkel, zu feucht, zu ungesund. Man hätte gern so eine moderne barocke Kathedrale gehabt. "Ah, das wäre doch schön. So eine helle Kirche! Nicht mehr so schwer und düster!" Aber ein Architekt hat sich gewehrt. Er sagte, diese Kirche kostet euch so wenig im Unterhalt. Wenn ihr was Neues macht, das kostet enorm, und wer sagt, dass das lange hält?

Frage: Der zwinglianische Pragmatismus ...

Gargiulo: Die Krankheit des Reformiertseins ist, dass man zu praktisch denkt und alles immer noch mehr reduziert. Als ich vor 25 Jahren hier anfing, da hatte der historische Taufstein inwendig eine Steckdose! Und einen Mikrofonanschluss! Also man konnte den Taufstein nicht mehr gebrauchen. Sondern man musste eine Taufschale draufstellen. Und irgendwann wurde man auch müde, beim Abendmahl jedes Mal einen Tisch reinzutragen. Dann hat man sich gesagt: "Wisst ihr was? Wir tun jetzt einfach auf den Taufstein eine Tischplatte drauf! Dann haben wir beides! Taufe und Abendmahl am selben Ort! Dann müssen wir nicht mehr den Tisch rein- und raustragen!" So pragmatisch hat man gedacht. Sogar für kirchenaffine Leute, etwa für Lutheraner, die hierherkommen, ist das nicht nachvollziehbar. Die sind dann ganz verwundert: "Aber das Abendmahl ... ist das auch abgeschafft ...?" Und ich muss das dann immer erklären.

Frage: Andere Besucher sind dafür hingerissen. Gerade formierte sich hier spontan eine Gruppe aus den USA, die an Zwinglis Wirkungsstätte ein Lied singen möchte. Passiert so etwas oft?

Gargiulo: Ja, manchmal wird es fast etwas viel. Der Zwingli ist auch bei den Amerikanern bekannt, und für viele ist es etwas Besonderes, in einer echten Kirche aus dem Mittelalter zu stehen. Und die Akustik hier ist natürlich gewaltig. Es reichen schon vier Leute, die singen können, damit füllt man den Raum total! Das hat allerdings auch Nachteile ...

Frage: Welche?

Gargiulo: Das Zuhören ist in diesem überakustischen Raum anstrengend. Der Hall verschlägt die Wörter. Und es braucht nur ein kleines Geräuschlein und du bist abgelenkt. Das ist zum Beispiel ein Problem bei den Taufen. Ein Kind eine Stunde in der Kirche, das ist ohnehin schwierig. Und wenn ein Baby in der Kirche kreischt, dann denkt es: "Wooow ... cool! Das mach ich gleich noch mal ...", weil es dieses Echo hat. Das Grossmünster ist eigentlich nicht fürs Predigen gebaut.

Frage: Sondern?

Gargiulo: Im Mittelalter waren Gottesdienste nicht statisch, sondern voller Bewegung und Musik. Die Priester sind von der Krypta heraufgekommen, singend. Es war eine Inszenierung, und der Kantor war wie ein Regisseur. Für jede Messe gab es genaue Abläufe, wer wo stehen, was anziehen und wie wann was machen muss. Auch für das Grossmünster gibt es so eine Gottesdienstordnung aus dem 13. Jahrhundert. Die wurde vor einigen Jahren auf Deutsch übersetzt. Zur Vernissage wurde dann hier eine Messe originalgetreu aufgeführt. Da habe ich einen großen Schreck bekommen ...

Frage: Warum?

Gargiulo: Es fing plötzlich an, nicht so angenehm zu riechen. (lacht) Wir haben ja eine Bankheizung, die relativ heiß wird, und ich habe gedacht, vielleicht hat jemand unwissentlich eine Plastiktüte daraufgelegt. Ich bin dann überall unter die Bänke schauen gegangen, ob da etwas schmilzt. Und dann war es der Weihrauch, den die für ihre Aufführung verwendet haben! (lacht) Das war das erste Mal, dass ich Weihrauch gerochen habe. Als Reformierter kannte ich das gar nicht.