Die Kälte im Kirchenschiff ist außergewöhnlich. Doch oben im Chor steht mit fiebrigem Blick und schwarzem Talar ein Mann und ruft: "Christ zu sein bedeutet nicht, über Christus zu schwatzen! Sondern ein Leben zu führen, wie Christus es geführt hat!" Die Gemeinde murmelt verstört. Der Prediger ist gezeichnet von Krankheit: Ringe unter den Augen, die Haut zwischen den dunklen Bartstoppeln wächsern und schal. Immer wieder hustet und schnieft er. Was ist das für ein merkwürdiger Augenblick?

Der bleiche Mann mit der strähnigen Topffrisur ist der Schauspieler Max Simonischek. In einem Kinofilm des Schweizer Regisseurs Stefan Haupt spielt er den Reformator Ulrich Zwingli. Doch der Ort, wo er Reformation predigt, ist ein Originalschauplatz. Vom Chor der fast tausendjährigen Kirche mitten in Zürich hat auch der echte Zwingli gesprochen. Damals, vor 500 Jahren. Für die Dreharbeiten des Films Zwingli, der im Januar 2019, wohl vor allem in der Schweiz, in die Kinos kommt, wurde darum das Mutterschiff des Zwinglianismus in seinen vorreformatorischen Zustand zurückversetzt.

Katholische Pracht war schon immer etwas teurer. Und so verschlingt auch die Rekatholisierung der Kirche große Summen: Fast sechs Millionen Franken (5,3 Mio. Euro) kostet der Film, was für die Schweiz ein enormes Budget ist. Ein Großteil davon ging in Ausstattung und Kostüme. Dass es nicht noch teurer wurde, liegt wohl daran, dass der katholische Prunk – die Altarbilder, die Samtvorhänge, Madonnen und Fresken – mit protestantischem Pragmatismus ins Münster zurückkehrte: Filmrequisiteure arbeiten halt gern mit Pappmaschee und Sperrholz.

Das Grossmünster ist eine Autorität im Panorama der Stadt. Von 1100 bis 1220 als stämmiger romanischer Bau angelegt, wurde das ursprüngliche Herzstück eines Chorherrenstifts im Lauf der Jahrhunderte mehrfach verändert.

Ulrich Zwingli kam am 1. Januar 1519 als Leutpriester – ein Priester im Pfarramt – ans Grossmünster. Es war jenes Jahr, als eine Pestepidemie in der Stadt ausbrach, die auch den Pfarrer erfasste. Zwingli überlebte, sein Gottverständnis aber soll sich durch die Krankheitserfahrung verändert haben – 1522 veröffentlichte er seine erste reformatorische Schrift. 1524 entfernte man die Altarbilder aus dem Grossmünster, der Bau wurde karg, alle Konzentration lag auf der Predigt.

Davor, als Zwingli als Leutpriester begann, standen zwar schon die beiden charakteristischen Türme, damals noch von spitzen "Nadelhelmen" gekrönt. Auch im Innern hatte der Bau mit den beiden Seitenschiffen und der angeschlossenen Kapelle wohl Ähnlichkeiten mit heute: hoch, eng und durch die wuchtigen Pfeiler im Langhaus irgendwie verwinkelt und vollgestellt wirkend.

Die Ausstrahlung aber muss eine andere gewesen sein als heute: Sicher gab es, wie zu dieser Zeit in allen Kirchen, die es sich leisten konnten, farbenprächtige Bebilderungen der biblischen Geschichten und an den Altären und im Chor üppige Stoffe und goldenen Prunk. Von 19 Altären, zum Teil mit Gegenstück als Doppelaltar, wird berichtet, die ältesten in Krypta, Chor und der angeschlossenen Zwölfbotenkapelle, wo die Gebeine der Stadtheiligen Felix und Regula sowie Reliquien von Karl dem Großen verwahrt wurden. Später sollen neuere Altäre auch oben in der Empore gestanden haben. Ganz genau weiß man das nicht mehr.

Ungerührt von den Arbeiten an der Kulisse stehen an diesem Sonntag etwa fünfzig Gottesdienstbesucher vor dem Hauptportal. Eigentlich ist die Kirche während der fast vierwöchigen Filmarbeiten für Besucher gesperrt. Doch die Tradition des Sonntagsgottesdienstes, der hier "seit mehr als 900 Jahren" gefeiert wird, wird wegen einer Banalität wie einem Filmdreh nicht ausgesetzt. Darum dürfen die Kirchgänger durch die dafür um einen Spalt geöffnete Absperrung schlüpfen. Genügsam verteilt man sich auf die paar Bänke, die die Filmcrew im hinteren Teil der Kirche stehen gelassen hat. Im Mittelalter wurde hier gestanden. Auf das ungewohnte Durcheinander aus Kabeln, Requisiten und einer riesigen Lichtstreuplane in halber Höhe des Raums reagieren die Kirchgänger zwinglianisch beherrscht. Nur verstohlen wandern die Blicke über die fleckig bemalte Bodenfolie, mit dem die Ausstatter die viel zu glatten und glänzend hellen Solnhofener Kalkplatten überdeckt haben, die hier seit gut hundert Jahren liegen. Gebannt bleiben die Augen bei den beiden grellbunten, dreiteiligen Altären mit ihren fast comicartig aufgemalten Marterszenen, die nun auf einmal vor der steinernen Chormauer stehen.

Überhaupt ist die sonst freie breite Treppe zum ehemaligen Chorraum nun mit täuschend echt aussehenden Styropor- und Pappmaschee-Aufbauten verengt und mit einem geschmiedeten Chorgitter verschlossen worden. Über dem Chorgestühl zeigen plötzlich lang gezogene Fresken einen Bilderbogen biblischer Szenen. An den nackten Steinmauern des Altarraums wellt sich neuerdings üppiger roter Samt, und über dem schrillbunten Hochaltar baumelt ein gewaltiges goldenes Kreuz von der Decke herab. Auch die Nischen zwischen Altarhaus und Chor sind nun bevölkert. In einer hält ein fast grotesk entrückt blickender Heiliger aus Styropor mit originalgetreu abgebröckeltem Zeh das Jesuskind.