"Finden Sie das hier renovierungsbedürftig?", fragt Christi Degen und blickt sich im sogenannten Präseszimmer um, in dem die Handelskammer Gäste empfängt. Der "einst prunkvolle" Raum wirke "renovierungsbedürftig", schrieb das Abendblatt kürzlich. Degen, Geschäftsführerin der Handelskammer, ärgert das sichtbar. Ihre Begleiter schütteln die Köpfe, nein, nein, das sehe hier alles ordentlich aus. Dann wartet man weiter.

Die Kammer hat zum Pressegespräch geladen. Es soll um den China-Gipfel gehen, eine von der Handelskammer organisierte Konferenz. Chinas höchster Wirtschaftsvertreter, Vize-Ministerpräsident Liu He, wird in diesem Jahr kommen, darauf ist man stolz. Bei dem Gespräch sollen Experten nun erklären, wie wichtig das Land als Handelspartner für die Stadt ist. Die Handelskammer will mal wieder ihre Aufgabe erfüllen: Stimme und Dienstleister der Hamburger Wirtschaft sein.

Doch es kommt niemand. Einige Journalisten hätten sich im Gebäude verlaufen, heißt es erst. Nach ein paar Minuten gibt Degen auf. "Dann machen wir es eben exklusiv für die ZEIT."

Für die Inhalte, die die Handelskammer vertreten möchte, interessieren sich Hamburgs Medien derzeit nicht besonders. Für ihre internen Probleme dagegen umso mehr. Zur gleichen Zeit wie das schlecht besuchte Pressegespräch in der Kammer findet zwei Kilometer Luftlinie entfernt eine Art Konkurrenzveranstaltung statt – geladen haben die Gegner der Handelskammer-Führung. Im Hotel Grand Elysée haben mehrere TV-Sender ihre Kameras aufgebaut, der Raum ist voller Journalisten. Im Februar 2017 hatte eine Gruppe namens "Die Kammer sind Wir" bei der Wahl zum Handelskammer-Plenum die absolute Mehrheit errungen. Seither sind die "Rebellen" an der Macht. Und seither gibt es Streit. Jetzt hat sich eine neue Gegenrebellengruppe formiert, die die alten Rebellen ablösen will. "Starke Wirtschaft Hamburg" nennt sich die Gruppe, die sich hier heute vorstellt. Sie will bei den nächsten Kammerwahlen 2020 die Rebellen vom Thron stürzen. Ihre Kritik: Die Wirtschaftsvertretung beschäftige sich nur noch mit sich selbst und vertrete nicht mehr die Interessen der Unternehmen.

Der Aufstand begann mit einer Frage: Muss die Kammer so undemokratisch sein?

Das Drama fing 2011 an, als der aus Bayern stammende Unternehmensberater Tobias Bergmann ins Plenum gewählt wurde und unbequeme Fragen stellte. Muss die Kammer so undemokratisch sein? Wie wäre es mit mehr Transparenz? Was verdient hier eigentlich der Chef?

Bergmann wurde zum Vorkämpfer für die Reform der Kammer. 2014 wurde er mit elf Gleichgesinnten ins Plenum gewählt. Die Rebellen störten sich an vielem. Daran, dass die Kammer lautstark als Stimme der Wirtschaft auftrat mit Positionen zu allem Möglichen: Schulpolitik, Olympia und Harley Days. Daran, dass diese Positionen vor allem diejenigen des Hauptgeschäftsführers Hans-Jörg Schmidt-Trenz waren, von den gewählten Vertretern nur abgenickt. Oder daran, dass ebendieser Geschäftsführer eine halbe Million Euro im Jahr verdiente und sich von einem Chauffeur umherfahren ließ.

Die Rebellen warben für mehr Transparenz und dafür, dass kleine Unternehmen stärker berücksichtigt werden. Aber erst mit der Forderung, die Pflichtbeiträge der Firmen für die Kammer abzuschaffen, kam ihr Durchbruch. Bei der Wahl Anfang 2017 errangen sie 55 der 58 Sitze im Plenum. Ein überwältigender Erfolg gegen die alten Eliten einer der ältesten Institutionen der Stadt.

Die Rebellen starteten mit Elan. Sie machten die Sitzungen transparenter, kündigten Schmidt-Trenz. Dann begannen die Probleme: Die Abfindung des alten Geschäftsführers kostete mehr als eine Million Euro. Und die Nachfolgersuche gestaltete sich schwierig, wohl auch, weil man angekündigt hatte, das Gehalt zu deckeln. Der Wunschkandidat sagte ab, erst nach einem halben Jahr präsentierten die Rebellen mit Christi Degen eine Nachfolgerin, der zuvor bei der Handelskammer in Bayreuth gekündigt worden war.

Bei nüchterner Betrachtung haben die Rebellen einiges erreicht. Die Kammer ist demokratisch und transparent wie nie. Die neue Führung hat die Effizienz gesteigert: Statt elf gibt es nur noch fünf Geschäftsbereiche, die Zahl der Führungskräfte ist gesunken. Von 260 Angestellten müssen bis 2021 voraussichtlich 60 gehen.

Doch ihr wichtigstes Versprechen haben die Reformer nicht gehalten – die Abschaffung der Pflichtbeiträge. Die Beiträge der Mitgliedsunternehmen machen mit rund 40 Millionen Euro pro Jahr den Großteil des Kammerhaushalts aus. Dass es gelingen würde, diese Zahlungen in nur drei Jahren auf null zu setzen, hatten Experten früh bezweifelt. Inzwischen haben das auch die Rebellen eingesehen. Der Ärger ist groß: Von Wahlbetrug ist die Rede. Der Oberrebell Bergmann musste sich für die Fehleinschätzung entschuldigen.

Über alles streiten die Rebellen, selbst über die Wahl des Mineralwassers

Mit dem gemeinsamen Ziel verloren Bergmanns Gefolgsleute auch den Zusammenhalt. Ein Insider sagt: "Die Rebellengruppe ist mit einer gewissen Ahnungslosigkeit ans Werk gegangen." Ihr einziger Kitt sei die Gegnerschaft zum Establishment gewesen. Nachdem die Abschaffung der Pflichtbeiträge ausfallen musste, fingen Zänkereien an.

Ehemalige Angestellte der Kammer erinnern sich daran, dass unwichtige Detailfragen zu Zerwürfnissen geführt hätten. Welches Mineralwasser die Kammer bestellen solle, sei auf allen Präsidiumssitzungen des vergangenen Jahres ein Thema gewesen. Insider berichten, dass in der internen Kommunikations-App der Rebellen rund um die Uhr gestritten wurde, Beleidigungen und Wutausbrüche inklusive. Die Interessen der 180.000 Mitgliedsunternehmen gerieten dabei offenbar oft aus dem Blick.

Wer mit dem Präses Tobias Bergmann spricht, trifft einen Ruhelosen und Getriebenen, der viele Ziele hat, zu viele möglicherweise, und der in rasendem Tempo die Themen wechselt. "Unser Sieg war ein bisschen so, als wenn die Piraten 90 Prozent der Sitze in der Bürgerschaft gewonnen hätten", sagte er schon kurz nach der Wahl. Er werde nun regieren müssen in einer Demokratie ohne Opposition, aber dafür mit einer heterogenen Gruppe von Menschen, die sich selbst als Rebellen verstünden. "Es gibt unterschiedliche Interessen, unterschiedliche Temperamente."

Damit sollte er recht behalten. Die Wahrheit ist aber auch: Bergmann selbst macht viele Fehler.

In einem Gespräch mit dem Spiegel verglich er sich mit dem französischen Revolutionär Robespierre, was ihm Kritik einbrachte, weil der Franzose bekanntlich alles andere als friedlich war, und auch Spott, weil der Revolutionär eben am Ende auf der Guillotine endete.