DIE ZEIT: Mal angenommen, jeder Verlag hätte seine spezifische Droge, dann ging es früher im Suhrkamp-Verlag eher um den Alkohol, während bei Kiepenheuer & Witsch Kokain die symbolische Droge wäre, oder?

Helge Malchow: Langsam, langsam. Das Alkoholmonster Charles Bukowski ist auch KiWi-Autor! Vor allem aber: Wenn Romanfiguren Alkohol oder Betäubungsmittel konsumieren, charakterisiert dies vielleicht ein Buch, aber nicht einen Verlag.

ZEIT: Man denke an den Amerikaner Bret Easton Ellis, der Kokain regelrecht zelebriert hat.

Malchow: In American Psycho dient das der Darstellung der zynischen Welt des Wall-Street-Kapitalismus der Achtzigerjahre.

ZEIT: Uns würde noch der eine oder andere KiWi-Autor einfallen.

Malchow: Es ist doch klar, dass gesellschaftliche Phänomene sich auch in der Literatur widerspiegeln. Aber man muss aufpassen, dass man nicht einzelne Autoren, die bestimmte Themen behandeln, mit dem Verlagsprofil gleichsetzt. Kiepenheuer & Witsch ist der Verlag von Heinrich Böll und Uwe Timm, Katja Lange-Müller, Eva Menasse, Feridun Zaimoglu, Thomas Hettche, Joachim Meyerhoff, Matthias Brandt, Maxim Biller, Frank Schätzing oder Michael Kumpfmüller, um nur einige Namen zu nennen, das ist ein großes Spektrum. Ich habe immer versucht, dagegenzuhalten, wenn zwei, drei Autoren von den Medien extrem hochgezogen wurden und man das dann mit dem Verlag gleichgesetzt hat.

ZEIT: Trotzdem: Um die Jahrtausendwende hatte man den Eindruck, die alte Suhrkamp-Kultur sei, was Diskursmacht angeht, durch eine neue KiWi-Kultur verdrängt worden. War das etwas, was Sie anstrebten, als Sie die Popliteratur unter Ihrem Dach versammelten?

Malchow: Ach, die Popliteratur! Das Label ist irreführend und ungenau. Das war nur meiner Neugierde geschuldet, in einer bestimmten Zeit nach neuen literarischen Stimmen zu suchen.

ZEIT: Stimmt es, dass Sie dem noch sehr jungen Christian Kracht eine Postkarte geschickt haben: Sie würden gern ein Buch von ihm haben?

Malchow: Ja. Das waren die frühen Neunzigerjahre, das Musikmagazin Tempo war ein regelrechtes Autorenreservoir, so wie zuvor Spex. Und bei Tempo fiel mir Christian Kracht sofort auf. Das waren oft kleine Texte, manchmal fast bizarre Themen, bei denen aber sofort eine riesige stilistische Eigenständigkeit deutlich wurde.

ZEIT: Was genau suchten Sie?

Malchow: Ich hatte mich damals für Literatur interessiert, die vom New Journalism, Hunter S. Thompson, Tom Wolfe, Truman Capote, beeinflusst war. Da gehörte der frühe Peter Glaser dazu, später dann Benjamin von Stuckrad-Barre, Elke Naters und aus dem Ausland Nick Hornby.

ZEIT: Die Popliteratur der späten Neunzigerjahre war politisch gesehen das Gegenlager zum Links-Moralismus der Siebziger- und Achtzigerjahre.

Malchow: Für mich nicht das Gegenlager, sondern eine notwendige Ergänzung und Lockerungsübung. Ein Autor wie Diedrich Diederichsen war und ist ja ein hochintellektueller linker Denker. Aber die damalige literarische Hinwendung einiger Autoren zur Schönheit der Ware, zu Mode, Musik, Medien, zur verführerischen Seite des Kapitalismus, auch zum Hedonismus, also zu all diesen Dingen, die in einem protestantisch-linksliberalen Denken der Siebzigerjahre, auch in Adornos Kulturkritik unter Verdacht standen – da hat mich meine Neugierde schon hingetrieben. Daneben standen aber zur gleichen Zeit meine Ausflüge in den Prenzlauer Berg und die späte DDR-Literatur. Ziemlich das Gegenteil dessen. Diese Richtung kann allerdings auch umschlagen in einen statischen, bösen, reaktionären Hedonismus, der mich irgendwann nicht mehr interessiert.

Mit Benjamin von Stuckrad-Barre (im Hintergrund Malchows Nachfolgerin Kerstin Gleba) © KiWi

ZEIT: Woran denken Sie da?

Malchow: Ich finde, dass große Teile der heutigen Popkultur fugenlose Instrumente wirtschaftlicher Rationalität geworden sind. Das war in den Neunzigern ganz anders. Für mich wurden hier einfach noch mal neue Gegenstandsbereiche erschlossen, ein gutes Beispiel ist Faserland von Christian Kracht. Seine Bedeutung lag dann aber in der literarischen Form. Das war für mich ein Vorgang, vergleichbar mit dem Naturalismus, als man zum ersten Mal über proletarisches Großstadtelend geschrieben hat.

ZEIT: Heute hat die Popliteratur ihren Stachel verloren, ist fast ein bisschen totalitär geworden.

Malchow: Totalitär sicher nicht: Solange da was zu entdecken war, war es für mich interessant. Heute ist die Rückkehr des Politischen oder der Religion auch in der Literatur viel wichtiger, finde ich.

ZEIT: An welche Begegnungen mit großen Autoren erinnern Sie sich besonders?

"Ich musste an meinem Durchsetzungsvermögen arbeiten"

Helge Malchow mit Patti Smith © KiWi

Malchow: Als ich Verleger wurde, war Gabriel García Márquez schon lange bei KiWi, aber ich war ihm noch nie begegnet. Das wollte ich ändern. Es war nicht ganz leicht, aber wir trafen uns schließlich in Mexiko. Etwa 25 Beschützer wuselten um ihn herum, als wäre er der Oberpräsident von Lateinamerika. Ich hatte über seine Agentin in Barcelona einen Slot von zehn Minuten bekommen.

ZEIT: Selbst als sein Verleger nur zehn Minuten?

Malchow: Ja. Ich saß also in Guadalajara in Mexiko im Hotel und wartete. Kurz bevor es so weit war, fragte mich ein Mitarbeiter, in welcher Sprache ich denn mit ihm sprechen würde. In Englisch, sagte ich. Das gehe nicht, wurde mir entgegnet, das sei die Sprache der Yankees und des US-Imperialismus, das wollen wir lieber sein lassen.

ZEIT: Er hätte es schon verstanden, aber er wollte es einfach nicht?

Malchow: Ja.

ZEIT: Und Ihr Spanisch ist nicht so richtig gut?

Malchow: Null! Und während ich schon vor ihm stehe und dann doch die ersten Wörter auf Englisch stammelte, fiel mir blitzartig ein, dass er in seiner Jugend lange in Italien gewesen war. Da ich ein löchriges Italienisch spreche, habe ich versuchsweise mit Italienisch angefangen. Er flippte aus vor Freude und erzählte mir, was er als junger Reporter in Italien alles getrieben habe. Und als ich dachte, die zehn Minuten müssten langsam rum sein, war eine Stunde vergangen. García Márquez erklärte: Jetzt wird gefeiert! Wir stiegen in so große komische Autos und fuhren zu einer riesigen Halle, in der eine Mariachi-Band spielte und die Leute tanzten, ein Nachtclub oder Tanzschuppen.

ZEIT: Das war abends?

Malchow: Ja. Er zog in die Halle ein, und in der Sekunde hörte die Band auf zu spielen, alle Menschen, Hunderte, standen auf, klatschten und verneigten sich vor ihm, und er schritt durch die Menge. Dann wurden ein paar Tische zusammengeschoben, und wir nahmen Platz. García Márquez machte so eine Geste, alle setzten sich, und die Mariachi-Band spielte weiter. Es wirkte, als wäre er der König von Lateinamerika. Dieses genussvoll zelebrierte Literaturfürstentum war mir bis dahin nicht begegnet.

ZEIT: Haben Sie David Foster Wallace getroffen?

Malchow: Ja, in Los Angeles. Wir hatten eine Verabredung in Downtown, Central Train Station. Ich hatte noch nie gehört, dass in L.A. jemand Zug fährt. Aber tatsächlich steht da so ein Riesenpalast aus dem 19. Jahrhundert, kirchenartig, man kommt rein, total leer, weil tatsächlich kein Mensch Zug fährt, es war mehr wie so ein Museum. Da kam dann ein Mann an in einem abgerissenen Parka, mit langen fettigen Haaren und einer Plastiktüte mit Büchern drin. Das war David Foster Wallace. Er kam aus Pomona, wo er Literatur unterrichtete. Wir gingen in ein Café und haben uns zwei Stunden über Bücher unterhalten. Er war total neugierig, etwas über deutschsprachige Gegenwartsliteratur zu hören. Er hielt gerade Vorlesungen über Georg Büchner, Dantons Tod und Woyzeck. Ich fragte ihn, ob er den Lenz kenne, die Novelle über den wahnsinnigen Dichter Reinhold Lenz, die müsse er unbedingt lesen. Damals schrieb er gerade an Infinite Jest, und darin tauchte dann später ein Randy Lenz auf, noch verrückter und drogensüchtiger als alle anderen Drogensüchtigen in der berühmten Entzugsklinik des Romans. Seither bilde ich mir ein, dass ich ihn auf diesen Namen gebracht habe. Aber ich kann es nicht belegen. Wallace war ein Autor, der bei einem solchen Treffen seine Persönlichkeit vollständig hinter seiner Arbeit verschwinden ließ. Man hatte nicht das Gefühl, man könnte jetzt mit ihm über seine Familie oder über seine Freizeit oder irgendwas sprechen, er war ein Literatur-Maniac.

ZEIT: Wallace starb 2008, jetzt wirft ihm seine Ex-Freundin Mary Karr im Rahmen von #MeToo vor, sie gestalkt zu haben und überhaupt eine Neigung zur Gewalt gehabt zu haben.

Malchow: Die Literaturgeschichte ist voll von bösen Männern und Frauen, die große Werke der Weltliteratur geschaffen haben. Wallace ist ja nicht vorgeworfen worden, dass er jemanden vergewaltigt hätte, sondern dass er anfallartig ein extrem machoartiges Verhalten an den Tag gelegt habe. Wer sein Werk kennt, weiß, dass er kein weichgespülter Liberaler gewesen ist. Und wenn man noch hinzurechnet, unter welchen Bedingungen dieser Mann gelebt hat, bipolare Dauerstörung, Suizidgefährdung, diese Depressionen und manischen Phasen ... Mehr kann ich dazu auch nicht sagen.

ZEIT: Gab es einen Moment in Ihrem Verlegerleben, wo Sie sagen würden: Das hätte ich wirklich besser machen können?

Malchow: Bevor ich bei KiWi anfing, hatte ich ein paar Monate in New York bei unserem Scout gearbeitet. Da sind mir Autoren aufgefallen, die ich interessant fand und die noch nicht übersetzt waren. Jonathan Franzen, Richard Ford. Das habe ich dann vorgetragen, aber beim Verlag hieß es: "Ja, ja, interessant, was du da erzählst" – aber mehr auch nicht. Da wusste ich, ich muss an meinem Durchsetzungsvermögen arbeiten. Aufgrund meiner Herkunft bin ich eher nicht so gestrickt, dass ich, wo ich hinkomme, erst mal abräume.

"Ich habe das Geheimnis der Welt noch nicht geknackt"

ZEIT: Sie sind auf einem Bauernhof in Brandenburg auf die Welt gekommen.

Malchow: Ja, mein Vater hat an dem Tag in seinem Tagebuch Störche erwähnt, die über das Haus geflogen sind. Es lebe die Natur!

ZEIT: Die Herkunft aus dem Brandenburgischen war eine bäuerliche oder großbäuerliche?

Malchow: Nein, bescheiden, kein Großgrundbesitz. Aber auf einer Landwirtschaft geboren in der frühen DDR und dann Flüchtlingsfamilie, vor dem Bau der Mauer ins Rheinland. Ich bin in einfachen Verhältnissen groß geworden, keine Umgebung, die gespickt war mit kulturellen Impulsen.

ZEIT: Macht einen das erst mal zurückhaltender?

Malchow: Bei mir war das so. Das Grundmotiv meines Lebens ist das Gefühl: Ich habe noch was zu lernen, ich habe das Geheimnis der Welt noch nicht geknackt. Für mich ist sowohl die Literatur als auch das Sachbuch ein Erkenntnisinstrument. Sicher auch ein Impuls von 68, der bis heute anhält. Meine Verlagsarbeit war so eine Art privates Dauererziehungsprogramm, ein lebenslanges Studium. Was wüsste ich über England ohne Zadie Smith, über Paris ohne Virginie Despentes. Gerade habe ich die Autobiografie von Udo Lindenberg als Lektor betreut: Was ist das für eine Variante künstlerischen Genies, das dieses ganze Land und damit auch mich so geprägt hat? Oder wenn ich die großartigen Kriminalromane von Volker Kutscher, auf denen jetzt die TV-Serie Babylon Berlin basiert, nehme, die einen ganz neuen Zugang zu der Frage eröffnen, wie es zum Nationalsozialismus kommen konnte.

ZEIT: Volker Kutscher ist zusammen mit seinem Lektor inzwischen bei einem anderen Verlag.

Malchow: So etwas passiert, aber das ändert ja nichts an der Qualität dieser Bücher. Es gibt eine spezifische Form der Erkenntnis, die nur die Literatur leistet.

ZEIT: Zu Zeiten der 68er war Denken links. Jetzt hat man den Eindruck, dass auch rechts theoretisch aufgerüstet wird.

Malchow: Obwohl ich aus einer linken Tradition komme und bis heute keine Alternative zu einem auch selbstkritischen Aufklärungsdenken sehe, habe ich immer eine Neugierde für die Gegner dieses Denkens gehabt, für Autoren, die das alles grundsätzlich infrage stellen: Malaparte, Hamsun oder Céline, Autoren, die die dunkle Seite der menschlichen Existenz repräsentieren, das, was in einem zu oberflächlichen Aufklärungsdenken weggebügelt wird und dann nur noch in Form von Gespenstern auftaucht. Gerade jetzt interessiert mich das, in den letzten zwei, drei Jahren, wo zum ersten Mal viele dieser Gewissheiten, auf denen unsere demokratische Zivilisation basiert, wieder infrage gestellt sind. Die Selbstverständlichkeit einer offenen Gesellschaft ist nicht nur durch Idioten und Nazis, die durch die Straßen rennen, infrage gestellt, sondern auch durch Gedankengänge, die nicht von den dümmsten Figuren der Menschheit formuliert worden sind und die deswegen als Herausforderung im Raum stehen.

ZEIT: Ein Beispiel?

Malchow: Zum Beispiel die Wiederauferstehung Carl Schmitts als Theoretiker der Politik.

ZEIT: Sind zum Ende Ihrer Verlegerzeit schwierigere Zeiten für das Buch angebrochen?

Malchow: Das Buch als Medium ist nicht mehr selbstverständlich. Man muss heute immer mehr nicht nur das einzelne Buch verkaufen, sondern auch die Notwendigkeit des Mediums Buch selbst mitkommunizieren. Durch die Digitalisierung werden die Aufmerksamkeitsspannen kleiner, die Medien passen sich dem an. Da brauchen wir das Vertiefungsmedium Buch als Gegengewicht. Man muss immer wieder erläutern, dass ein Roman wie Unterwelt von Don DeLillo dem Leser einen Blick zum Verständnis dieser Welt schenkt, den kein Tweet jemals ersetzen kann.

ZEIT: Wie groß sind Ihre Sorgen?

Malchow: Einen Markt gibt es auf Dauer nur für Dinge, die gebraucht werden. Deshalb wird es Auseinandersetzungen darüber geben, ob das Buch als Medium und Format noch gebraucht wird. Der Buchmarkt hat sich brutal verändert und wird dies weiter tun. Aber ich bin optimistisch, die ganz große Gefahr sehe ich woanders.

Helge Malchow mit Alice Schwarzer © KiWi

ZEIT: Erzählen Sie.

Malchow: Die große Gefahr ist der Kampf der Internetgiganten, trotteligerweise unterstützt von Netzpiraten-Argumenten, gegen das Urheberrecht. Wenn sich das Geschäftsmodell der Plattformökonomie durchsetzt, dass also die gigantischen Einnahmen internationaler Tech-Konzerne generiert werden über Werbung und die "Inhalte" nur noch Mittel zum Zweck und frei sind, dann wird die Grundlage einer Buchkultur, die auf Exzellenz und Qualität basiert und damit auch auf Arbeitsprozessen, die bezahlt werden müssen, wegfallen, und dann kommen wir in eine Phase der Beliebigkeit, bei der es dann auch egal ist, was in den Büchern drinsteht. Das ist in seiner ganzen Brisanz noch nicht erkannt. Im Augenblick spielen die Bibliotheksverbände verrückt, die sagen: Toll, jetzt digital, herrlich, wir kaufen einen Datensatz für das Buch, und jeder, der Mitglied der Stadtbibliothek Dinslaken ist, zahlt zehn Euro im Jahr und kann von seinem Smartphone aus jedes Buch umsonst herunterladen. Das soll nun ein Gesetz werden. Damit kauft kein Mensch mehr ein legales E-Book, und wenn alles fast umsonst auf diesem Wege zu bekommen ist, wird das auch den Papierbuchmarkt zerstören.

ZEIT: 20 Jahre Lektor, 16 Jahre Verleger: Sind Freundschaften mit Autoren geblieben?

Malchow: Es gibt die Sehnsucht nach großen, befruchtenden Freundschaften, aber leicht ist das nicht. Es geht ja immer auch um Umsatzzahlen, um Wettbewerb, um Positionierung. Aber ich habe Glück gehabt, es gibt diese Freundschaften, die eine große Bereicherung für mein Leben sind.