Das Foto auf dem Umschlag von Natascha Wodins neuem Buch ist gut gewählt, hochsymbolisch. Es zeigt sie, ein Mädchen mit opakem Blick und Pagenkopf. Daneben einen jähen Schatten. Es ist am Grab der Mutter aufgenommen, um die es im Vorgängerwerk geht, Wodins Erfolgsmemoir Sie kam aus Mariupol. Der Vater führt darin eine Marginalexistenz. Jetzt aber ist er, der Schemen neben dem Kind, die Hauptfigur. Das neue Buch spielt am Tag seiner Beerdigung, blendet assoziativ zurück und wühlt mit kühler Präzision Erinnerungen auf. Aber auch diese zweite Herkunftsgeschichte eines Luftwurzel-Kinds staatenloser Zwangsarbeiter aus Russland zeichnet vom Vater ein verwischtes Bild. Denn anders als bei der Spurensuche nach der Mutter bleibt die Faktenlage dünn. Er, ein böser Mann, der das Leben der Tochter bis zum Schluss vergiftet.

Was Wodin weiß: Er ist 1900 an der Wolga geboren, in Kamyschin, Russland, 1989 gestorben in Franken. Ein Jahrhundertschicksal, verhärtet im Würgegriff der Revolution und zweier Diktaturen. Nach Nazideutschland verschleppt, ist er in der Bundesrepublik nie richtig angekommen. Ein Don-Kosaken-Chor-Sänger und Hilfsarbeiter. "Brauche", "brauche nix", zwei deutsche Wörter kennt er. Seine Erzählungen auf Russisch reißen immer ab. Um mehr von ihm zu erfahren, muss Wodin notgedrungen von sich erzählen, erste Person Singular. Das gelingt berührend.

Es ist nicht das erste Mal, dass Natascha Wodin an ihrem Leben als "Russenlusch" entlangschreibt. Manche Passagen ihres hartherzigen, 1989 erschienenen Romans Einmal lebt ich sind wörtlich übernommen. Alles andere aber ist bei bleibender Unversöhnlichkeit mit ganz leisem Verständnis überschrieben. Vielleicht war sein Prügeln, war seine Brutalität nur die Fortschreibung der Gewaltverhältnisse, die er selbst erlebt hat?

Natascha Wodin wurde 1945 in Fürth geboren. Mit bedrückender Lakonik erzählt sie von der scheinheilen Kittelschürzen-Welt der Nachkriegsjahre. Mit karger Poesie und still vibrierender Wut ruft sie ihr Heim- und Ghettoleben in der Forchheimer "Siedlung" noch einmal auf – ihre Obdachlosigkeit als 16-jähriges Mädchen. So gern hätte sie Ursula geheißen, einen deutschen Handwerker geheiratet. Stattdessen wird sie – ihre Beschreibung der Tat löst Gefrierbrand in der Herzgegend aus – als "deutsche Bitch" vergewaltigt. Ihr Buch ist eine Art fränkisches Via Mala, aber ohne Kitsch. Selbst das Happy End gerät ihr schmucklos. Sie wird Telefonistin. Und der Vater? Bleibt ein dunkler Fleck. Auch ein Foto von ihm als Leiche missrät ihr. Der Film war leer.

Natascha Wodin: Irgendwo in diesem Dunkel. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2018; 240 S., 20,– €, als E-Book 14,99 €