Es gibt Dinge, die verschwinden einfach. Eben waren sie noch überall und prägten den Alltag. Dann sind sie weg. Niemand hat sie abgeschafft. Sie wurden einfach verdrängt. Wie CD-Recorder, Disketten, Wählscheibentelefone oder Handkaffeemühlen. Ein paar Liebhaber gibt es noch, die diese Gegenstände sammeln oder pflegen. Für sie sind es Klassiker oder Erbstücke, die an die eigene Kindheit erinnern. Für die meisten ist es nur noch Trödel. Kinder stehen voller Unverständnis vor vergilbten Plastikkisten und drücken ratlos Knöpfe. Manchmal reicht eine Generation für das Vergessen. Mit den Letzten Dingen scheint es auch so zu sein. Ideen, Gedanken und Leitbilder können nämlich ebenfalls verschwinden.

Vor ein paar Generationen waren sie noch überall. Plötzlich sieht man sich um und sie fehlen. Niemand hat ein Moratorium ausgerufen. Sie sind einfach verschwunden aus dem Alltag des Christentums, in Predigten werden sie gemieden, und auch für die individuelle Deutung des Glaubens spielen sie nur noch eine Nebenrolle. So geht es auch der Rede vom Jüngsten Gericht. In der Bibel ist das Bild vom Richterstuhl Gottes allgegenwärtig. Das Überlesen dieser Szenen ist schon eine eigene Kunst. In kaum einem der großen Gotteshäuser, die in den heißen Sommermonaten überall in Europa von Touristen besucht werden, fehlt Christus, der Weltenrichter, als Standkino unter der Kuppel, voller Details, die die religiöse Einbildungskraft der Künstler und der Gläubigen erahnen lassen. Mit dem Blick nach oben verschob sich der Blick auf die eigene Wirklichkeit.

"Wer kann bestehen?", fragt zweifelnd der Solist in einer Bachkantate. Die Frage ist wie ein Echo des vergangenen Christentums. "Gottesvergiftung", zischt dann und wann noch jemand, wenn die Rede auf das Gericht Gottes am Ende aller Tage kommt. Das Buch des Psychoanalytikers Tilman Moser war eine Art Manual zum Ausstieg aus der falsch verstandenen Gottesfurcht, einer Furcht, die Albträume bescherte und unter Umständen physische Gewalt, die von Menschen im Namen des göttlichen "Richters Gnadenlos" ausgeführt wurde. Bis Gott die endzeitliche Strafe vollzog, übernahmen diese Aufgabe Pastoren und Erzieherinnen. "Pass auf, kleines Auge, was du siehst, denn der Vater in dem Himmel schaut herab auf dich." Im Kinderlied sollte die stete Überwachung durch den Richtergott für Gehorsam sorgen. Eine zynische Verwechslung von Gottes Blick und Elternblick, die vielleicht auch dazu beitrug, dass die Lehre von den Letzten Dingen, die im Gedanken vom Weltgericht Gottes ihr Zentrum hat, so schnell in den Hintergrund treten konnte. Urteile wurden im Namen Gottes vollzogen, das Gottesgericht in Menschenhand genommen. Dabei ist nicht das Bild selbst diskreditiert. Die, die es gebraucht haben, haben es missbraucht und abgenutzt. Es ist an der Zeit, die Lehre von den Letzten Dingen und ihre starken Bilder wieder hervorzuholen als eine heilsame Deutung der Gegenwart.

In Zeiten von Autokraten und selbst ernannten Machtmenschen ist allein der Gedanke von Gott als Richter, der sich an seine eigenen Gesetze hält, ja schon ein kritischer Kommentar zur Zeit. Das Reich Gottes als Rechtsstaat der Freien und Gleichen, die nicht nach Willkür, sondern nach der Gerechtigkeit beurteilt werden, diese Einsicht hat nichts Triviales mehr. Oft hinterlassen verschwundene Dinge keine Lücke. Sie werden ersetzt. Wie der Kassettenrekorder durch die CD und die Handkaffeemühle durch das elektrische Mahlwerk oder vorgefertigte Kaffeepads. Manche Ersetzung kann als Fortschritt gewertet werden, anderes verschwindet um der Bequemlichkeit willen.

So ergeht es auch großen geistigen und geistlichen Ideen. Die biblische Rede vom Urteilsspruch Gottes am Ende aller Tage verschwand nicht nur, sie wurde unter der Hand einfach säkularisiert. Aus dem Letzten Gericht wurde das Jüngste Gericht. Es ist ja nicht so, als müssten Menschen nach der Abschaffung des Gottesgerichts nichts mehr fürchten. Die Macht der Urteile, die sich in Windeseile über Menschen verbreiten, ist ja nicht geringer geworden. "Wer wird bestehen?", fragen sich nun heimlich Jugendliche, wenn sie sehen, wie Mitschüler über WhatsApp gemobbt werden. "Wer wird bestehen?", fragen sich Vertreter und Vertreterinnen von staatlichen und politischen Institutionen. Geltungsansprüche werden mit Macht behauptet, öffentliche Pranger treten an die Stelle von Gerichten. Die Tribunalisierung der Gesellschaft zeigt, dass Menschen an die Stelle Gottes getreten sind. Ihr Gerechtigkeitsgefühl ist leitend, ihr Anspruch, Weltgerichtsverfahren vorzusitzen, fast schon selbstverständlich geworden. Eine Instanz, die von allen akzeptiert und geachtet wird, gibt es kaum noch. Die Referenz auf das christliche Abendland verfängt wieder, aber die kritischen Deutungspotenziale wendet man nur ungern auf sich selber an. Die Verfolgungsparanoia und die Selbstgerechtigkeit in der Anmaßung der Urteile können vielleicht deshalb so rauschhaft erfahren werden, weil die Frage nur noch als Frage an andere gestellt wird.

"Wer kann bestehen?", das ist nicht die Anleitung einer kritischen Selbstprüfung, sondern die Lizenz zum Endgerichtsurteil über andere. Gewachsen ist auch das Maß der Selbstgerichtsbarkeit. An die Stelle des zornigen Gottes ist ein trauriges oder wütendes Ich getreten, das um Aufmerksamkeit buhlt. Gelikt oder nicht? Fünf Sterne oder nur drei? "Sehen Sie, wie andere Sie beurteilt haben", verspricht die App auf dem mobilen Handy. So kann man schon morgens um sieben sehen, wie die eigene Anerkennungskurve verläuft. Wer sich der ursprünglichen Bedeutung der Rede vom Gottesgericht am Ende aller Tage nähert, stellt fest, dass dieses Bild ein großer Trost war.

Eine kleine, verfolgte Minderheit, der täglich Ungerechtigkeit widerfährt und die sich um die Zukunft ihrer Kinder sorgt, tröstet sich mit dem Gedanken, dass Gott ihr Recht widerfahren lässt, wenn nicht zu Lebzeiten, so doch "dermaleinst". Das ist eine in die Zukunft verschobene Hoffnungsaussage, die in der Gegenwart einen Unterschied ums Ganze macht. Der göttliche Richter steht gegen die erfahrene Willkür, gegen gekaufte Justiz und Vorverurteilung, gegen Verfolgung und innere Verunsicherung. Die "letzte Instanz" hilft, angesichts der himmelschreienden Ungerechtigkeit nicht zu kapitulieren. Das "Buch des Lebens", in das Gott in den grell ausgemalten Gerichtsverfahren der Kunstgeschichte alle Namen schreiben lässt, ist das Buch gegen das Vergessen, ein Archiv, das die Namen derer aufbewahrt, die namenlos geblieben sind, vergessen, verschwunden, übersehen. Das Gericht Gottes wird im biblischen Zusammenhang als die Instanz geglaubt, die die Kriterien für die göttliche Wohlordnung immer wieder aktualisiert, auch wenn alle Ordnungen aus den Fugen sind.

"Wer wird bestehen?" Die alte Frage hat Luther zu seiner grundstürzenden Einsicht geführt: Gottes Gerechtigkeit ist keine, die an Zorn, Rache oder Genugtuung orientiert ist. Es ist die Gerechtigkeit, die ihr Maß an der Liebe nimmt, am Gelingen der Beziehung zwischen Gott und Mensch und Mensch und Mensch. Dieser Gedanke hat es in sich. Denn damit läge in den Letzten Dingen eine Kriteriologie, eine Orientierung für das Leben heute, ein Trostbild, aber auch eine Anleitung und eine Mahnung, sich selbst nicht auf den Richterstuhl Gottes zu setzen. Über allem Urteilen, allen Geltungsansprüchen, allen Mutmaßungen über andere steht immer ein Vorbehalt. "Wir sollen Menschen sein und nicht Gott, das ist das ganze Evangelium" (Martin Luther). Diese Orientierung wäre wie ein Horizont, eine feine Linie, die es im Grunde nicht "gibt", die man nicht abschreiten oder vermessen kann.

Doch ohne Horizont gibt es keinen Vordergrund oder Hintergrund, keine Perspektive, keine Ordnung der Welt. In der Welt der vergessenen Dinge gibt es Neuentdeckungen. So holen Enkeltöchter die alten Vinylplatten von Opa aus dem Keller und freuen sich am Klang der schwarzen Scheiben. Diese Entdeckungen können auch für verschwundene theologische Lehrstücke gelten. In ihnen erschließt sich die Gegenwart anders. Sie helfen zum genaueren Hinsehen, zu neuen Fragen und zu einer anderen, stärkeren Hoffnung. Holen wir die "Letzten Dinge" aus dem Keller der Theologiegeschichte. Sie sind manch heilsame Entdeckung wert, kein Trödel, sondern echte Klassiker der biblischen Überlebensgeschichten.