Hanna Jacobs, 30, ist Pfarrerin im "raumschiff.ruhr", einem Gemeindepionierprojekt in Essen. Im Wechsel mit der katholischen Theologin Alina Oehler schreibt sie, wie sie als junge Geistliche ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Seit dem Menschen zwischen Kindheit und vollgültigem Erwachsensein eine Phase der Jugend zugestanden wird, regen sich die "richtigen Erwachsenen" über die Begleiterscheinungen der Jugend auf. Die Musik ist zu laut, die Röcke zu kurz und die Moral zu lotterhaft. Auf Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus den Sechzigern fuchteln alte Männer mit Herrenhandtäschchen und beschweren sich, dass diese jungen Leute mal richtig arbeiten sollten. Heute kann man hören und tragen, was man will, doch sie sind politikverdrossen, die jungen Leute. Und sie interessieren sich wenig für Kirche.

Für die Kirche ist das ein Problem, denn die Studierenden von heute sind die Kirchensteuerzahler von morgen, und die meisten Berufseinsteiger, die mit dem ersten Gehaltszettel austreten, werden so schnell nicht wieder eintreten. Doch es geht nicht nur ums Geld, sondern auch um die Frage, wer eigentlich mal die Kirche gestalten wird, wenn die Babyboomer alt sind. Deswegen hat sich die EKD-Synode bei ihrer letzten Tagung vergangene Woche mit dem Glauben junger Menschen befasst. Ich war nicht in Würzburg vor Ort, sondern habe die Synode – ganz Digital Native – über die sozialen Medien mitverfolgt. Es gab eine Diskussionsrunde mit jungen Menschen. Und Experten wie der Theologieprofessor Tobias Faix haben Ergebnisse ihrer Studien vorgestellt. Ein guter, wenn auch sehr später Anfang.

Trotzdem bleibt der Eindruck, dass die evangelische Kirche sich schwertut mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen. "Wie kann die Kirche wieder mehr junge Menschen für den Glauben begeistern?" – so lauten sowohl das beständige Lamento über die abwesende Jugend als auch die Titel von Tagungen oder Pfarrkonventen. Eure Sprache verrät euch! Denn jedes Wort dieser Frage ist entlarvend und offenbart, warum sie nicht kommen, diese jungen Leute.

Wer eine Lösung sucht, sollte nicht beim Wie anfangen, sondern bei der Frage, warum es überhaupt Veränderungsbedarf gibt. Warum will die Kirche eigentlich junge Menschen für den Glauben begeistern? Dann ist die Gegenüberstellung von Kirche und jungen Menschen nicht nur unglücklich, sondern auch theologisch problematisch. Sie erweckt den Anschein, als gehörte nicht dazu, wer die gängigen kirchlichen Angebote nicht nutzt. Fast schon erheiternd finde ich das "wieder mehr", als hätte es sie kürzlich noch gegeben, die goldenen Zeiten, in denen die Gemeindesäle und Kirchgebäude aus allen Nähten platzten, weil junge Menschen sich dort versammelt hätten. Wann in den letzten hundert Jahren soll das gewesen sein?

"Den Glauben" will man ihnen nahebringen, als gäbe es nur einen für alle, der schon fertig ist und nur angenommen werden muss. Und schließlich will man "begeistern". Das finde ich gut, das will ich auch. Doch kann das Begeistern immer nur Nebenprodukt der eigenen Begeisterung sein.

Andere, bessere Fragen müssen her. Vielleicht haben diese jungen Leute ja welche?