"Ich bin mir sicher, jetzt geht es langsam zu Ende", sagt Johann Weber und rückt seine weiß-rote Krawatte zurecht. Weiß-rot, das sind die Firmenfarben der Zollner Elektronik AG, Weber ist ihr Chef, und an diesem Freitag sitzt er auf einer Messe in München und macht sich Gedanken um die Konjunktur. "Seit drei, vier Monaten beobachten wir einen Rückgang der Aufträge", erzählt er. "In einigen Bereichen auch schon seit fünf Monaten." In der Automobilindustrie gingen die Aufträge zurück, in der Solartechnologie, im Maschinenbau, in der Bahntechnik, in der Messtechnik, in der Datentechnik, in der Telekommunikation, praktisch überall.

Wer der deutschen Wirtschaft den Puls fühlen will, der kann ins Finanzzentrum Frankfurt fahren. Dort wird er das Herz der deutschen Wirtschaft allerdings nicht finden, eher das Hirn. Das Herz schlägt anderswo: in Zandt beispielsweise, eine Stunde Autofahrt von Regensburg nahe der tschechischen Grenze. Hier hat die Zollner Elektronik AG, Webers Firma, ihren Hauptsitz. Ihren Namen kennen zwar nur wenige, ihre Produkte aber benutzen die meisten Deutschen regelmäßig. Die Check-in-Automaten der Lufthansa, die Fahrkartenautomaten der Bahn und die Kundenterminals in den Rewe-Märkten stammen von Zollner. Außerdem baut die Firma elektrische Geräte, die helfen, die Landeklappen im Airbus A380 zu steuern oder die Beleuchtung im Boeing-Flugzeug, und sie stellt den Block voller Elektronik her, der alles steuert, was der BMW i3 kann.

Weil das Unternehmen mit 11.200 Mitarbeitern Kunden aus fast allen Teilen der Industrie beliefert, hat Weber einen ungewöhnlich breiten Einblick in die Lage der Wirtschaft. Und diese Lage wird schlechter, wie der Vorstandschef feststellt. Er kenne das Auf und Ab seit 40 Jahren, sagt Weber. Dieser Aufschwung habe ungewöhnlich lange angehalten. Jetzt gehe er eben zu Ende.

Kommt der große Abschwung? Bis vor wenigen Tagen bewegte diese Frage in Deutschland vor allem Experten. Zwar korrigierte ein Konjunkturprognostiker nach dem anderen seine Vorhersage nach unten. Außerdem zuckten die Aktienmärkte auf und ab und zeigen doch eine klare Tendenz: abwärts. Wer vor einem Jahr 1000 Euro in den Dax gesteckt hat, hat heute noch 860 Euro. Aber nach acht Jahren des Wachstums schien das kaum jemanden in Deutschland zu kümmern. Schließlich sinkt die Arbeitslosigkeit weiter. Und wer hat schon Aktien?

Am Mittwoch vergangener Woche kam raus, dass die deutsche Wirtschaft im dritten Quartal dieses Jahres geschrumpft ist. Nur um 0,2 Prozent zwar, aber doch erstaunlich angesichts all des Wohlgefühls.

Langer Aufschwung

Dauer von Aufschwungphasen nach 1970

Sachverständigenrat © ZEIT-Grafik

Einer, der sich deswegen Sorgen macht, ist Mario Draghi. Am Freitag, als der Unternehmenschef Weber in München von seinen Konjunktursorgen berichtet, spricht der EZB-Präsident in Frankfurt auf dem European Banking Congress in der Alten Oper. Das ist so etwas wie das jährliche Klassentreffen der Banker und Notenbanker in Deutschland. Draghi spricht jedes Jahr, dieses Mal ist sein Thema Wachstum. Er fragt, ob der Rückgang, den Europa gerade erlebt, vorbeigeht oder bleibt. Und er kommt auf Deutschland zu sprechen, auf die Probleme der Autoindustrie. Diese hätten die deutsche Wirtschaft im dritten Quartal schrumpfen lassen. Das habe den gesamten Euro-Raum Wachstum gekostet.

Dass eine Branche diesen Einfluss hat, ist erstaunlich. Es passt aber zur Geschichte, die in den vergangenen Tagen in vielen deutschen Medien stand. Sie lautete: Macht euch keine Sorgen um die Konjunktur! Der Rückgang im dritten Quartal ist nur ein Sondereffekt wegen der neuen Abgastests. Das Problem ist bald überwunden.

Augen auf die deutsche Autoindustrie!

Aber stimmt das überhaupt? Draghi ist nicht der Einzige, der am vergangenen Freitag über Autos spricht. Am Rande der Konferenz kann man Jörg Krämer treffen, den Chefvolkswirt der Commerzbank. Mit einem Team von zehn Leuten sammelt der 52-Jährige Zahlen aus aller Welt – und besucht regelmäßig Unternehmer und Finanzchefs, um zu erfahren, wie das Geschäft läuft.

Er möchte damit das Unmögliche tun: die Zukunft vorhersagen. "Die Wetterprognosen sind besser geworden, die Konjunkturprognosen leider nicht", sagt Krämer. Jetzt sitzt er auf einem Sofa in einer Besprechungsecke in der Alten Oper und erklärt, warum er es trotzdem versucht. Weil es wichtig sei, Unsicherheit zu senken. Und weil man die nächsten drei Monate doch einigermaßen präzise vorhersagen könne. Seine eigene Prognose hat Krämer gerade korrigiert: nach unten natürlich.

Und dann kommt er auf die Autos zu sprechen. Krämer glaubt die Geschichte, dass nur die neuen Abgastests schuld seien am Einbruch der deutschen Wirtschaft, nicht ganz. Und das aus zwei Gründen: Erstens leidet die deutsche Autoindustrie nicht bloß unter den Abgastests. Dass sie auf diese nicht vorbereitet war, ist richtig und ein Skandal. Schließlich haben Autokonzerne aus anderen Ländern das problemlos bewältigt. Aber Krämer weist darauf hin, dass die Autobosse ein weiteres Problem haben: China. Dort wächst seit Mitte des Jahres der Autokauf kaum noch, sank zuletzt sogar. "Wenn das so bleibt", sagt Krämer "hat die Industrie ein Dauerproblem." Schließlich verkaufen deutsche Autohersteller besonders viel in China: Bis zu einem Viertel des Absatzes fällt dort an. Und noch mehr Gewinn.

Kauflaune lässt nach

Entwicklung des Einkaufsmanagerindex

ifo, IHS Markit/BME Statistisches Bundesamt, Sachverständigenrat © ZEIT-Grafik

Zweitens ist Krämer nicht sicher, ob es nur um die Autoindustrie geht. Schließlich sei die deutsche Wirtschaft, auch wenn man die Autos rausrechnet, zwischen Juli und September nur um 0,1 Prozent gewachsen. "Hinter diesem Dämpfer steckt mehr als nur VW, BMW und Daimler", sagt er.

Das ist die erste Erkenntnis dieser Reise: Augen auf die deutsche Autoindustrie! Aber eben nicht nur.

Um die Zukunft der deutschen Wirtschaft zu erkennen, lesen die deutschen Ökonomie-Wahrsager nicht in den Händen von Vorstandsvorsitzenden. Sie schauen auf zwei Grafiken: Eine heißt Ifo-Index, die andere Einkaufsmanager-Index. Beide hatten als Linie abgebildet zuletzt eine ähnliche Form: die eines Berges. Lange ging es bergauf, zuletzt aber bergab.

Optimismus lässt nach

Entwicklung der Geschäftserwartungen (ifo-index)

ifo, IHS Markit/BME Statistisches Bundesamt, Sachverständigenrat © ZEIT-Grafik

Beide sind das Ergebnis von Umfragen in deutschen Firmen. Für den Einkaufsmanager-Index werden jeden Monat Mitarbeiter von Industrieunternehmen befragt. "Bitte vergleichen Sie die derzeitige Situation mit der Situation im vergangenen Monat", steht über dem Fragebogen. Erhoben werden Daten zu Produktion, Auftragseingang, Einkaufsmenge, Jahresausblick und so weiter. Daraus entsteht der Index. Er ist kein Ausblick in die Zukunft, sondern beschreibt, wie das Geschäft in den vergangenen vier Wochen lief.

Im Oktober ist er leicht gefallen auf 52,2 Punkte, unter 50 gilt als gefährlich. Im Dezember 2017 stand er noch bei mehr als 63 Punkten. Bis zum Ende des Jahres rechnen die meisten Befragten mit einem Rückgang der Produktion.

"Überhitzung" heißt das Phänomen

Sabine Greupner, Schichtführerin in Winnenden, ist seit 21 Jahren im Unternehmen; ein Produkt, das jeder kennt – der Hochdruckreiniger; Pumpen für Hochdruckreiniger (v. l. n. r.). © Felix Schmitt für DIE ZEIT

Das klingt bedrohlich. Mit Leben füllen sich die Zahlen trotzdem erst, wenn man mit den Menschen spricht, die dahinterstehen: mit Einkaufsmanagern.

Zum Beispiel mit Heiko Braitmaier. Der 47-Jährige ist Schwabe, stammt also aus einer Region, in der auf Reinlichkeit Wert gelegt wird. So gesehen ist es kein Zufall, dass Braitmaier seit bald 20 Jahren bei einer schwäbischen Firma arbeitet, die alles herstellt, was man für ein reinliches Leben braucht. Braitmaier ist Bereichsleiter Einkauf Produktionsmaterial bei der Kärcher SE & Co. KG, einer Firma, die etwas geschafft hat, wofür sonst eher Google bewundert wird. Kärcher ist in Deutschland nicht nur zum Synonym geworden für Hochdruckreiniger, sondern hat sogar ein eigenes Verb begründet: "Kärchern" heißt es, wenn jemand seine Terrasse mit Wasserdruck von Moos und Gras befreit.

Kärcher ist der weltweit führende Anbieter für Reinigungstechnik. Als Einkäufer hat Braitmaier einen harten Job. "So etwas wie in den vergangenen zehn Jahren habe ich noch nicht erlebt", sagt er. "Das ist nicht mehr normal, das war total überhitzt." 2,5 Milliarden Euro Umsatz erzielte Kärcher im vergangenen Jahr, so viel wie noch nie. Braitmaiers Aufgabe ist es, alles herbeizuschaffen, was für die Herstellung von Hochdruckreinigern, Kehrmaschinen, Scheuersaugmaschinen oder Autowaschanlagen nötig ist. Also Netzkabel, Kunststoffteile, Gummischläuche, Filter, Reinigungsmittel, Akkus.

Wegen des Dauerbooms der vergangenen Jahre war praktisch alles knapp. Manche Zulieferer versteigerten ihre Produkte. "Auf dem Höhepunkt hatten wir massive Beschaffungsprobleme, aber die Produktion stand nie still", sagt Braitmaier.

Ein Grund dafür ist ein Phänomen, das Ökonomen tatsächlich als "Überhitzung" bezeichnen. Es bedeutet: Die Wirtschaft wächst in einem Tempo, das nicht durchzuhalten ist. In Deutschland ist die lange Dauer der guten Zeiten ungewöhnlich. Seit 1970 dauerte kein Aufschwung länger als 37 Quartale – und nun hält der aktuelle Boom schon 36 Quartale an.

Das kann für Kärcher oder Zollner, deren Produkte sehr gefragt sind, erst einmal entspannend sein. Allerdings entsteht daraus auch die Gefahr eines Rückschlags. Wie das praktisch aussieht, kann Johann Weber von Zollner erklären. "Wichtige elektronische Bauteile sind knapp geworden." Die Preise seien irrsinnig gestiegen. "Wenn man bei einem Zulieferer 100 Bauelemente bestellt hat, bekam man nur 50 geliefert." In der Folge hätten viele Einkäufer beim nächsten Mal die doppelte Menge bestellt, in der Hoffnung, mehr zu erhalten. Irgendwann schlage das aber um. Die Produzenten lieferten wieder mehr, und die übertriebenen Bestellungen müssten storniert werden. Von einem "Peitscheneffekt" spricht Weber.

Ob solch ein Rückschlag unmittelbar droht, mag er nicht vorherzusagen. Klar ist: Die Wirtschaft produziert bislang am Limit. Mehr geht nicht. Weniger hingegen schon. Das ist die zweite Erkenntnis dieser Reise. Der deutsche Boom hält so lange an, dass er schon aus sich heraus die Gefahr birgt, zu Ende zu gehen. Aus Erschöpfung.

"Der Wendepunkt ist da"

In Frankfurt, dem Hirn der deutschen Wirtschaft, betrachtet man die Sache nüchterner. Erschöpfung hin oder her. Für den Chefvolkswirt Krämer gehört zu einer Überhitzung, dass die Preise stark steigen. Das ist bislang nicht der Fall. "Die Inflation ist noch niedrig, sodass ich in Deutschland nicht von Überhitzung sprechen würde", sagt Krämer. In einer Sache aber ist er einig mit Firmenchefs und Einkaufsmanagern: "Der Wendepunkt ist da". Krämer glaubt nicht an eine baldige Rezession. Aber die Lage ist wackelig. Da braucht es nur einen mittelgroßen Auslöser, damit es kippt.

Woher der kommt, das weiß man immer hinterher am besten. In Frankfurt glaubt man allerdings, die größte Gefahr zu kennen. Draghi nennt sie "Protektionismus", Krämer "Handelskrieg". "Wenn Trump wirklich Zölle auf Autos verhängt, würde uns das hart treffen", sagt er. "Dann gäbe es wohl einen Abschwung." Aber auch indirekt nimmt Deutschland schon jetzt Schaden: über China. Das Land leidet zunehmend unter seinem Handelskrieg mit Amerika. Dadurch kommt weniger Geld nach China, also wird weniger ausgegeben, auch für deutsche Produkte. "Das kann die ganze deutsche Wirtschaft betreffen", sagt Krämer.

Und was dann? Die Politik scheint von dem Ganzen bislang seltsam unbeeindruckt. Am Dienstag steht der Finanzminister am Rednerpult im Bundestag und stellt den Haushalt fürs kommende Jahr vor. Olaf Scholz zeichnet das Bild eines Landes, dem es gut geht: der Haushalt solide, die Arbeitslosigkeit niedrig, die Regierung stabil. Er gehe davon aus, dass die "Wirtschaft weiter wächst", wenn auch vielleicht etwas langsamer als bisher. In seinem Ministerium haben sich die Fachleute die jüngsten Wachstumszahlen trotzdem genau angeschaut. Sie überlegen, was man tun könnte, wenn es wider Erwarten nach unten geht. Finanziell fühlt man sich gerüstet. Der Bundeshaushalt ist ausgeglichen, die Sozialkassen sind gefüllt. "Wir könnten es uns leisten, ordentlich Geld auszugeben", sagt ein Insider.

Das ist die dritte Erkenntnis dieser Reise: Die Jahre des Booms haben den deutschen Staat stärker gemacht. Im Ernstfall kann er etwas tun. Die Bedingung dafür ist aber: Er darf jetzt nicht das Geld verschleudern. Doch die öffentliche Debatte verharrt im Retro-Modus, als würde es ewig gut weitergehen. Man diskutiert in Berlin nur noch darüber, wie das viele Geld, das der Boom einbringt, ausgegeben werden könnte: für höhere Renten, kostenlose Kitas oder – aktuell – das Ende von Hartz IV. Und die Arbeitsämter, die nichts mehr zu tun haben, wollen jetzt auch Leute beraten, die gar nicht arbeitslos sind.

Dabei ist es mit der Wirtschaft ein wenig wie mit der Lindenstraße: Sie läuft und läuft und läuft – und je länger sie läuft, desto weniger kommt man auf den Gedanken, es könnte einmal anders sein. Und dann, ganz plötzlich, ist Schluss.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio