Die Wut ist groß und das Banner auch. "Notre santé n’est pas une marchandise", steht auf dem roten Plakat, das die Frauen und Männer am vergangenen Samstag in Genf durch die Straßen trugen. Unsere Gesundheit ist keine Ware. 1.000 Demonstrantinnen und Demonstranten, mehr Frauen als Männer, sind gekommen, um sich gegen die hohen Krankenkassenprämien zu wehren. Durchschnittlich 480 Franken: So viel muss kommendes Jahr im Kanton Genf eine Person monatlich für ihre Versicherung bezahlen – egal, ob gesunder Mittzwanziger oder schwer kranke Seniorin.

Nicht nur in Genf gingen die Menschen auf die Straße, auch in Lausanne, in Monthey im Wallis und in Bellinzona im Kanton Tessin. Organisiert hat die Aktion eine Gruppe um die beiden Freundinnen Joëlle Combrement und Patricia Leoz. Sie nennen sich Groupe de citoyen-ne-s réunis pour lutter contre l’augmentation des primes d’assurance maladie en Suisse. Ihre Facebook-Gruppe hat bereits mehr als 13.000 Mitglieder. Es ist die Zivilgesellschaft, aus der sich der Widerstand formiert, den die beiden parteilosen Frauen aus Genf bündeln. Combrement sagt: "Das ist gewaltig, die Unterstützung ist groß, die Leute haben wirklich genug."

Genug davon, dass die Krankenkassenprämien einen immer größeren Teil ihres Haushaltseinkommens wegfressen. Und dass dagegen auch ein Kassenwechsel nicht viel hilft, wie er noch bis Ende November möglich ist.

Der Prämienanstieg beträgt im kommenden Jahr durchschnittlich 1,2 Prozent. Besonders betroffen sind, einmal mehr, die Westschweizer Kantone: die Walliser bezahlen durchschnittlich 3,6 Prozent mehr, die Neuenburger 3,1 Prozent. Und die Tessiner bezahlen 2019 im Schnitt 2,5 Prozent mehr für ihre Krankenversicherung als heuer.

Seit das Krankenversicherungsgesetz (KVG) im Jahr 1996 eingeführt wurde und damit jeder Schweizer gezwungen wurde, einer Krankenkasse beizutreten, hat sich die Prämienlast verdoppelt. Manch eine Familie bezahlt inzwischen mehr für ihre Gesundheit als Steuern an den Fiskus.

Die Proteste in der Romandie sind Ausdruck einer verbreiteten Verzweiflung. Darüber, dass die Gesundheitskosten steigen und steigen und die Politik anscheinend nicht in der Lage ist, diese Entwicklung zu bremsen. Obwohl sie einen Versuch nach dem anderen dagegen unternimmt.

Gerade in der Romandie. Im vergangenen Herbst taten sich der sozialdemokratische Waadtländer Gesundheitsdirektor Pierre-Yves Maillard und sein Genfer Kollege Mauro Poggia vom rechtspopulistischen Mouvement Citoyens Genevois zusammen. Wissend, dass Reformen, wenn, dann nur in parteiübergreifenden Bündnissen gelingen können. Sie lancierten zwei Volksinitiativen: Die eine will den großen Einfluss der Krankenkassen-Lobbyisten im Parlament verkleinern. National- und Ständeräte dürften keine wichtigen Mandate bei Krankenkassen mehr annehmen. Die andere will es den Kantonen ermöglichen, eine kantonale, nicht gewinnorientierte Einheitskasse einzurichten. So würden alle Einwohner einer Region die gleichen Prämien bezahlen.

"Es war sehr leicht, die Leute von den Anliegen zu überzeugen, sie sind besorgt über die hohen Prämien", sagt Maillard.

Trotzdem sind die beiden Initiativen so gut wie gescheitert: Die Chance, dass bis Anfang April die nötigen 100.000 Unterschriften gesammelt sind, ist winzig. "Es dürfte schwierig werden, genügend Unterschriften zu sammeln", sagt Maillard.

Schuld daran ist der Röstigraben. Fast alle Unterstützer kämen aus der Westschweiz, sagt Maillard. Es ist ihm nicht gelungen, darüber hinaus zu mobilisieren. Die Komitees haben vergessen, gleichgesinnte Verbündete in der Deutschschweiz zu suchen.

Schuld daran ist aber auch das Timing. Dass keine einzige nationale Partei die Initiative mittragen wollte, liegt daran, dass die Politiker ein Jahr vor den eidgenössischen Wahlen auf eigene Ideen und Initiativen setzen. Um ihrer Klientel signalisieren zu können: Problem erkannt, wir tun was!

Zum Beispiel die FDP. Sie möchte die Bevölkerung einer Art Rosskur unterziehen und damit das Bewusstsein schärfen, wie teuer die eigene Gesundheit ist. "Harmlose Erkrankungen oder kurze Spitalaufenthalte" solle jeder selbst bezahlen, heißt es im Positionspapier, das die Partei Anfang November veröffentlicht hat. Wer in guten Zeiten Geld auf die Seite legt, um sich in schlechten Tagen die Blinddarmoperation oder die Geburt des Kindes selbst zu finanzieren, soll mit Steuererleichterungen belohnt werden. Die obligatorische Versicherung bräuchte es dann nur noch, um "Großrisiken", also schwere oder chronische Erkrankungen, und die Gesundheitskosten von Armen zu decken.

Das pure Gegenteil schwebt der SP vor: Sie will die staatlichen Leistungen ausbauen. Kein Haushalt soll künftig mehr als zehn Prozent seines Einkommens für Krankenkassenprämien aufwenden müssen. Damit wollen die Sozialdemokraten das aus ihrer Sicht ungerechte Kopfprämiensystem abschaffen. Und sie erinnern den Bundesrat an ein Versprechen, das er bei der Einführung des KVG abgegeben hat: Die Schweizer Haushalte, hieß es damals, sollten nicht mehr als acht Prozent ihres Einkommens für die Krankenkassenprämien aufwenden. Die Volksinitiative wird am SP-Parteitag Anfang Dezember offiziell lanciert.

Auch für CVP-Präsident Gerhard Pfister ist das Schweizer Gesundheitssystem "akut krank". Mit seiner Volksinitiative "Für tiefere Prämien – Kostenbremse im Gesundheitswesen", die vor wenigen Wochen lanciert wurde, soll das System wieder aufgepäppelt werden. Die Kosten im Gesundheitswesen sollen, so die Idee, nicht stärker wachsen als die Gesamtwirtschaft und die Durchschnittslöhne. Geschieht dies trotzdem, müssen die Leistungserbringer Maßnahmen ergreifen. Tun sie dies nicht, würden Bund und Kantone intervenieren. Wie, das allerdings lässt die Initiative offen.

Den demonstrierenden Frauen in Genf wird das nicht reichen. Ihr nächstes Ziel sei es, sich mit den Deutschschweizern zu verbünden, sagen Joëlle Combrement und Patricia Leoz. Vielleicht mit den Baslern? Nur dort bezahlen die Leute heute nämlich noch mehr für ihre Prämien als in Genf.