Dass die italienische Küche in Deutschland so erfolgreich wurde, liegt nicht zuletzt an einem Mann, einem Typus Mann: dem Padrone, dem Gegenentwurf zum servil-steifen deutschen Ober. Der Patrone vermittelte einem das Gefühl, man sei gar nicht im Restaurant, sondern bei Freunden zu Besuch. Im La Terrazza findet man so einen nicht; hier sind sie schon einen Schritt weiter. Es empfängt die Patronin – und wie!

Michael Allmaier ist Redakteur der ZEIT und schreibt jede Woche über ein Restaurant der Stadt © Kathrin Spirk für DIE ZEIT

Daliah Isabella Occhipinti wirft dem Gast schon beim zweiten Besuch beide Hände so herzlich entgegen, dass man kaum weiß, wie man sie greifen soll. Dann ist man am Tisch; sie wuchtet die Tafel mit den Tagesempfehlungen heran, huscht weiter, singt vor sich hin, schäkert mit den Gästen. "Ciao, belle!" zu einem Tisch mit Frauen, "Mi amore!" zu einem Mann. Das klingt überdreht, aber wenn man dabei ist, macht es Freude. Auch weil in ihrer Verkörperung südlicher Gastfreundschaft ein herzlicher Unernst mitschwingt, ein Staunen über die Rolle, die das Leben ihr zugelost hat.

Occhipinti, geboren in Hamburg, studierte Politikwissenschaft in Paris, als ihr Vater erkrankte und sie für ihn in seinem Niendorfer Restaurant einsprang. Ein Lokal, das auf den ersten Blick recht unglamourös ist, die Lage im Gewerbegebiet gegenüber einem Discounter ist sogar für Niendorfer ab vom Schuss. Auch die überladene Einrichtung mit Flaschenverpackungen über dem Tresen und Kunst zum Kaufen an den Wänden verheißt nichts Besonderes. Aber der Laden ist ständig voll – mit Anwohnern, mit Fans der Chefin, ebenso mit Leuten, die für gutes Essen lange Wege auf sich nehmen.

Man bekommt hier Pizza Tonno oder Nudeln mit Hackfleischsauce; aber die vielen Tagesgerichte machen zu neugierig für dergleichen. Interessant schon der Dip zum guten Brot, der wortlos hingestellt wird. Sieht aus wie die Thunfischsauce vom Vitello tonnato, die Sauce war offenbar gerade übrig. Sehr unorthodox, denkt man noch. Dann ist das Schälchen leer.

So geht es weiter mit Abweichungen vom Gewohnten. Mal sind sie klein wie bei den hausgemachten schwarzen Tagliolini mit Miesmuscheln. Wie würzt man die – mit Peperoni? Oder Räucherspeck? Die Küche findet einen Weg, beides zu verbinden, aromatisiert den Sud mit der höllenscharfen Salami Spianata Calabrese und bringt so Leben in das brave Gericht.

Bei anderen Tellern verliert man ganz den Boden unter den Füßen. Die Fjordforelle "crudo" ist zwar ähnlich angerichtet wie ein Carpaccio, die Würzung mit Sesam und Ponzu-Sauce allerdings weist in eine andere Richtung. Ein etwas beliebiges Fusion-Gericht, wäre da nicht die reichlich angegossene Nussbutter. Sie verstärkt die Sesamsüße ins beinahe Penetrante, sodass sie mit dem Fisch gegen den salzigen Meerspargel und das herbe Lauchzwiebelgrün besteht. Mutig kombiniert, aber was ist daran italienisch? Solche Fragen bringen die Chefin nicht in Verlegenheit: "Wir sind in Italien ja auch international."

Dass sie es im Terrazza erst recht sind, garantiert Vasillios Fadidis, ihr Partner und Küchenchef. Er hat Erfahrung in der Spitzengastronomie, aber keinen Bezug zur italienischen Küche. Das holt er jetzt nach, sagt er selbst, auf vielen Verkostungsreisen. Man spürt seine Entdeckerfreude, unbelastet von Tradition. Die klassischen toskanischen Mafaldine mit Wildschweinragout werden bei ihm ein neues Gericht, dank reichlich Muskat und einem fruchtigen Thai-Pfeffer ("Den hat mal ein Gast mitgebracht").

Zum Schluss kommt Daliah Occhipinti mit der Grappa-Flasche, wie ein Patron alter Schule. Erst mit dem teuren, der schmeckt leider nicht. Sie schnuppert dran: "Stimmt." Dann mit dem einfachen, den sie selber manchmal trinkt – zur Erinnerung an ihren Vater.