Neuerdings (das heißt, so neu ist das eigentlich gar nicht, den Trend gibt es seit geraumer Zeit) trampeln lauter Elefanten durch die Plattenläden. Elefanten, Mammuts, Riesenrhinozerosse. Alles, was groß und massig an Lebendgewicht ist und furchterregend in der Erscheinung, auch wenn in Wahrheit vielleicht nicht viel dahintersteckt. Im Tierreich funktioniert das ja so: Der Dicke macht viel her, ist aber dann doch zu schwerfällig und zu schwer von Kapee, evolutionstechnisch gesehen, um rechtzeitig die Flucht zu ergreifen. Und stirbt aus, verschwindet vom Erdball, wird durch kleinere, wendigere, anpassungsfreudigere Spezies ersetzt.

Die Dicken, das sind, in wahlloser Folge:

Die Bartoli-Rossini-Edition, limitierte Jubiläumsausgabe (15 CDs, 6 DVDs, Decca) – die Summe der großen Cecilia aus 30 Jahren sprudelnden Belcanto-Gesangs.

Amadeus Quartet, The Complete Recordings (70 CDs mit Buch, DG) – alles, was die Fab Four des Streichquartettspiels zwischen 1951 und 1987 so eingespielt haben, zum 70. Geburtstag des Ensembles, das seit 1987 nicht mehr existiert.

Birgit Nilsson 100 – insgesamt 116 CDs nebst einem opulenten, seidengebundenen Fotofolianten in Dunkelblau.

Bach 333, Die neue Gesamtausgabe (222 CDs, 1 DVD, DG und Decca) – alles, was der Meister aller Meister je zu Notenpapier gebracht und die Industrie vor die Mikrofone gezerrt hat; Anlass ist, schluck, sein 333. Geburtstag.

DG120, Anniversary Edition im Deluxe-Box-Set (120 CDs, Faksimiles, DG) – die Deutsche Grammophon gratuliert sich zu ihrem 120. Geburtstag selbst, mit Gala-Konzerten, Yellow Lounges in Asien, digitalisierten Schellackschätzchen von Tolstoi bis Schaljapin (dem Sponsoring durch Google Arts & Culture sei Dank!) und Online-Ausstellungen; in China übrigens, so lernt der Kunde, ist 120 eine total wichtige Zahl.

Die Liste zeigt’s: Hier hat die Universal (das Dach über DG, Decca und Philips) die Nase vorn. Und keine Scheu vor krudem Merchandising und noch kruderer Zahlenmystik. Kann ja auch lustig sein. Sind dies nun die letzten Zuckungen eines aussterbenden Mediums, der guten alten CD, bevor Streamingdienste sie und uns und alles schlucken? Herbert von Karajan war’s, der dem Markt die kleine Silberscheibe einst als großes Versprechen präsentierte, 1982, mit einem CD-Player auf der Bühne, so hoch wie ein Kleiderschrank. Und selbstverständlich kehrt auch Karajan noch einmal zurück, im Retro-Chic der Siebziger, mit allen neunen von Beethoven zum Beispiel und hyperprogressiv, ganz wie es sich für ihn gehört: auf Blu-ray nämlich und in Dolby-Atmos-Technik ("transports you from the ordinary to the extraordinary").

Wer seine Karajan-Bestände also versehentlich zum Trödler getragen hat und weiterhin gern etwas in der Hand hält, muss sich keine Sorgen machen. Und alle anderen dürfen noch ein Weilchen in den Zoo gehen, zu den großen Tieren, die auf freier Wildbahn so selten geworden sind. Und staunen. Über lange Rüssel und kostbare Felle oder Häute, mit denen so kurz vor dem Verschwinden gerade das letzte Geschäft gemacht wird.