Es ist nicht einfach, jemandem, der Italien und die Italiener nicht kennt, Matteo Salvini zu erklären. Der 45-jährige Innenminister und stellvertretende Ministerpräsident macht seit 25 Jahren Politik, ohne je einer normalen Arbeit nachgegangen zu sein. Die Lega-Partei, die er anführt, ist die älteste Partei Italiens und hat in zehn der vergangenen 24 Jahre mitregiert. Trotzdem gilt Salvini in Italien als der neue Stern am politischen Himmel. Dabei sind Salvini und seine Partei voller innerer Widersprüche.

Unter den Führungsfiguren der italienischen Politik ist er der am weitesten rechts stehende. Bei den kommenden Europawahlen will Salvini zusammen mit Marine Le Pen, Viktor Orbán und der Visegrád-Gruppe in den Kampf gegen die EU ziehen, obgleich er selbst von 2004 bis März 2018 Abgeordneter des EU-Parlaments war und ein entsprechendes Salär bezogen hat. Salvini hat auch seine Partei drastisch verändert. Die Lega Nord war fast 20 Jahre lang eine reine Regionalpartei. Noch 2009 stimmte Salvini selbst in den rassistischen Chor militanter Lega-Anhänger gegen die Neapolitaner ein ("Die Neapolitaner kommen, ihren Gestank hält keiner aus, selbst die Hunde nehmen Reißaus!"). Vor den letzten Parlamentswahlen strich Salvini als Parteichef das "Nord" aus dem Logo der Lega, stellte in ganz Italien Kandidaten auf – und fuhr am Ende sogar in der Mitte und im Süden des Landes beachtliche Ergebnisse ein. Landesweit kam die Partei auf 17,7 Prozent der Stimmen.

Im Wahlkampf hatte sich Salvini mit den anderen rechten Parteien zusammengetan, darunter Silvio Berlusconis Forza Italia. Doch als dem rechten Bündnis nach der Wahl die nötige Regierungsmehrheit fehlte, schloss sich Salvini mit der Zustimmung seines Verbündeten Berlusconi kurzerhand mit dessen ärgstem Feind zusammen: der Fünf-Sterne-Partei unter Parteichef Luigi Di Maio.

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Als Innenminister hat Salvini mit sämtlichen Wahlkampfversprechen gebrochen. Hatte er vor der Wahl noch xenophobe Sprüche gemacht und die irrwitzige Behauptung aufgestellt, er werde "alle 600.000 Illegalen rausschmeißen", erklärte er, kaum im Amt, die Migranten auszuweisen sei unmöglich und wäre viel zu teuer. Stattdessen will er die Leistungen für Migranten kürzen, was noch mehr von ihnen mittellos auf den Straßen zurücklassen wird. Wurde im Wahlkampf noch mit der Einführung einer "Flat Tax" geworben (eine einkommensunabhängige Senkung des Steuersatzes auf 15 Prozent), ist davon heute keine Rede mehr. Zum einen ist eine solche Einheitssteuer nicht verfassungskonform, zum anderen wäre der Staat finanziell nicht in der Lage, den Einbruch des Steueraufkommens abzufangen. Das von einer Vorgängerregierung auf 67 Jahre angehobene Renteneintrittsalter hat Salvinis Regierung zwar gesenkt, doch dafür sind größere Rentenkürzungen zu erwarten, die einzige programmatische Gemeinsamkeit zwischen Lega und Fünf-Sterne-Partei.

Die Politik dieser Regierung wird das Leben der Italiener also verschlechtern. Doch statt Zustimmung zu verlieren, gewinnt Salvini noch dazu. In den Umfragen liegt die Lega inzwischen bei 30 Prozent – vor den Fünf Sternen, die Prozentpunkte verloren haben. Dafür gibt es mehrere Gründe.

1. So schlecht Salvini im Regieren ist, so gut ist er in der Öffentlichkeitsarbeit. Salvini beschäftigt ein Team junger Social-Media-Experten, die sich selbst la bestia nennen, "das Ungeheuer". Alle Nachrichten, die sie verbreiten, sind einzig und allein auf Salvini zugeschnitten, die Partei kommt überhaupt nicht vor. Sie twittern und teilen Fotos von Salvini mit nacktem Oberkörper am Strand, auf dem Sofa vor der gerade angesagten Realityshow, auf einem Pferd reitend, Salvini am Steuer eines Baggers inmitten einer Roma-Siedlung. Die Aussage dieser Bilder ist klar: Salvini hat das Sagen, und zwar allein. Salvini selbst nennt sich il capitano, "der Kapitän". Bei den Wählern kommt das gut an. Die Lega-Anhänger vertrauen Salvini blind und pfeifen auf seine Lügen, Widersprüche und Skandale (wie jenem um die 49 Millionen Euro an veruntreuten Geldern, mit denen die Lega mehrere Wahlkämpfe finanziert hat und die sie nun laut einen Gerichtsurteil ratenweise an den Staat zurückzahlen muss).

2. Salvini ist stärker als seine Konkurrenz. Da wäre zuerst Luigi Di Maio, der Chef der Fünf Sterne. Den machen die Regeln seiner eigenen Partei zu einem Anführer auf Zeit, denn diese "horizontale" Bewegung erlaubt jedem ihrer Abgeordneten nur zwei Parlamentsmandate. Di Maio darf bei der nächsten Wahl nicht wieder antreten. Da wäre zudem der verurteilte, in Verruf geratene, senile Silvio Berlusconi. Mit seinen 82 Jahren hat er weder Zukunft noch Erben. Um das Zepter nicht aus der Hand zu geben, hat er sämtliche potenziellen Thronfolger niedergemacht. Auch bei der Opposition sieht es nicht gut aus. Nach der kurzen Blütezeit des ehemaligen Premiers Matteo Renzi sucht der Partito Democratico (PD) noch immer nach einem neuen starken Mann und findet keinen, weil der PD alle verbrannt hat. So ist Salvini derzeit der einzige Anführer alten Schlags, den Italien noch hat. Seine Partei, wiewohl rechts, ist die letzte vom leninistischen Schlag und folgt ihm ohne Widerworte.