Ein Gewerbegebiet im Erfurter Norden, an einem Montagabend im Herbst. Neun Männer und eine Frau stehen an einem Bauzaun, zwischen Bürogebäuden und Autowerkstatt, im fahlen Licht einer Straßenlaterne. Ein paar notdürftig zusammengezimmerte Holzkreuze sind auf dem Fußweg aufgebaut, neben jedem brennt eine Kerze. Liederhefte werden verteilt, die Seiten sind einzeln von Plastikfolie umhüllt. Gesungen wird eine Art christliches Hit-Medley, von Es ist ein Ros entsprungen über Ihr Kinderlein kommet bis Die Gedanken sind frei.

Ein Streifenwagen hält, zwei Polizisten steigen aus, ganz entspannt kontrollieren sie Ausweise. Dann, aus der Dämmerung ist Nacht geworden, passiert das, was hier jeden Montagabend passiert, seit eineinhalb Jahren. Die Menschen stellen sich im Halbkreis um die Kreuze, und ein Mann beginnt mit dem, was er eine Predigt nennt. Selbstverständlich, ruft er in die Dunkelheit, könne jeder glauben, was er wolle. "Aber müssen die unbedingt ein Symbol der Macht in unserem Ort aufstellen?" Wenn der Islam komme, kämen "Mord und Totschlag".

Seit mehr als zwei Jahren streitet Erfurt über das, was hier, gleich hinter dem Bauzaun, entstehen soll: die erste Moschee Thüringens. Mit Gebetsräumen, einem Saal für Veranstaltungen, einer Wohnung für den Imam und einer beleuchteten Glaskuppel. Auch ein Zierminarett ist geplant, acht Meter hoch, das ist die amtliche Maximalhöhe.

Das Projekt hat zu einer Frontenbildung geführt, die ziemlich genau an der unsichtbaren Linie entlangführt, welche die ganze Republik teilt – in der Zuwanderungs-, in der Flüchtlings-, in der Islamdebatte. Bizarrerweise wird der Protest gegen die Moschee seit Jahren auch als eine Art christlicher Widerstand inszeniert. Nicht von den Amtskirchen, deren Vertreter für den Moschee-Neubau werben. Aber doch von einigen Christen, die mit kirchlichen Motiven gegen die angebliche Islamisierung vorgehen wollen.

Trotz aller Diskussionen beginnt nun der Bau. Vor wenigen Tagen wurde der Grundstein gelegt, mit Bodo Ramelow, dem linken Ministerpräsidenten, mit dem SPD-Oberbürgermeister, den Vertretern christlicher und jüdischer Gemeinden. Es gab eine kleine Protestdemo und eine noch kleinere Gegendemo gegen die Protestdemo.

Schon im kommenden Jahr soll die Moschee fertig sein. Ob sich etwas verändern wird? Geht die Wut? Bleibt sie?

Bis zu 20.000 Muslime gibt es unter den 2,2 Millionen Thüringern. Bauherr der Moschee ist die Ahmadiyya-Gemeinde, die in vielen islamischen Ländern als Sekte betrachtet wird. Denn die Gemeinschaft präsentiert sich reformistisch und liberaler als der orthodoxe Islam. Ahmadiyya-Anhänger werden verfolgt, Zehntausende flohen, auch nach Deutschland. In Thüringen leben keine hundert Mitglieder, viele davon sind Studenten.

Aber Zahlen waren in der Vergangenheit egal, es ging ja ums Abendland. Erst stellten sogenannte "Bürger für Erfurt" ebenjene Holzkreuze neben dem Baugelände auf. Dann drapierten mehrere Männer, die aus Niedersachsen angereist waren, auf Spießen einen halben Schweinekopf und Schweinepfoten. Schließlich führte der Rechtsextremist David Köckert mit Kunstblut vor dem Rathaus eine Scheinhinrichtung auf.

Und natürlich wurde auch Björn Höckes Thüringer AfD tätig. Sie organisierte Demonstrationen, unterstützte ein Bürgerbegehren, klagte später gegen dessen Abweisung. Und als auf dem künftigen Moscheegelände fünf verlassene Baue des gemeinen Feldhamsters entdeckt wurden, führte dies zu einer besonders bizarren Konstellation. Während die AfD mit Hamsterplakaten demonstrierte, sprach der Bund für Umwelt- und Naturschutz davon, dass das Tiervorkommen "vergleichsweise gering" sei und nicht instrumentalisiert werden sollte.

Der Mann, der all das aushalten musste, heißt Mohammad Suleman Malik und ist der örtliche Vertreter der Ahmadiyya-Gemeinde. Malik steht auf der Baustelle, er freut sich, dass es endlich losgeht, aber wirklich froh schaut er dennoch nicht aus. Angepöbelt werde er, auf der Straße und im Internet. "Wir sollen Islamisten und Terroristen sein", sagt er. "Die AfD hat eine Atmosphäre geschaffen, in der die Menschen Angst vor uns haben sollen."

Malik ist Mitte 30, er hat die meiste Zeit seines Leben in Deutschland verbracht. Geboren ist er in Pakistan. Aber Malik bezeichnet sich als "deutschen Patrioten". Erfurt, sagt er, sei seine Heimat, seit fast 20 Jahren schon. Er trete für konservative Werte ein, die Ehe von Mann und Frau, den Schutz des ungeborenen Lebens. Für ihn gelte das Grundgesetz, einschließlich Artikel 4, der die Religionsfreiheit und die "ungestörte Religionsausübung" regelt. "Der einzige Unterschied zu den Leuten, die mich ständig beleidigen und bedrohen, ist doch, dass ich Muslim bin", sagt er.