"Hier wird Ihnen nicht geholfen. Hier wird Ihnen nichts versprochen. Hier wird Ihnen keine Lehre angeboten", heißt es zu Anfang dieses Buches; das klingt schon mal verheißungsvoll. Martin Seel, Professor für Philosophie in Frankfurt, wagt ein Experiment. Er antwortet auf die Frage "Müssen Philosophierende recht haben wollen?" mit "Nein" und probiert aus, was das heißen könnte.

Aber was soll man im Ringen der Argumente mit einem anfangen, der nicht recht haben will? Etwas sagen, ohne darauf zu bestehen, dass es wahr ist, das gehört doch eher in den Bereich der Literatur. Und um die geht es hier auch. Die Literatur ist Seels zweite Leidenschaft, die er zwar nie zum Beruf gemacht hat, die ihm aber den Ruf eines der elegantesten Stilisten unter den Philosophen eingebracht hat. Mit diesem Buch begibt er sich auf den Grat zwischen Philosophie und Literatur; "Abstürze inbegriffen", kündigt er im Geist des Nichtrechthabenwollens an.

Als Form wählt Seel Gedankenspiele, wie er es nennt. Zunächst sind das "Meditationen über ein Wortungetüm": Nichtrechthabenwollen – wie kann das gehen? Muss man nicht, allein um so einen Vorsatz zu formulieren, schon mit einigen Dingen recht haben? Angefangen damit, was diese Worte bedeuten? Und angenommen, es gelänge, hat man dann recht gehabt mit seinem Vorsatz, und ist also das Unternehmen des Nichtrechthabenwollens gescheitert?

Seel macht deutlich, dass es nicht darum gehen kann, in relativistischer Manier mit nichts mehr recht zu haben, sondern darum, es nicht unbedingt zu wollen. Die Geste der großen Theorie müsse verlassen und das Denken davon befreit werden, auf ein Ziel ausgerichtet zu sein. Denn "kein freies Sichbesinnen kommt mit bloß ein oder zwei Stilen seiner Ausübung aus", schreibt Seel. "Es will sich unterbrechen, den Blick wechseln, seinen Rhythmus verändern, seinen Gestus verwandeln. Zur Hochform kommt es, wo es von der geraden Bahn abkommt."

Was er damit meint, zeigt sich im zweiten Teil des Buches. Da geht es von einer Filmszene zu einem Wittgenstein-Zitat zu einem Blues aus den 1920ern zu Beobachtungen während einer Zugfahrt zur Philosophie der Unendlichkeit zu "individuell gestalteten" Hotelzimmern, von denen grundsätzlich abzuraten sei. Es sind Aphorismen, frei assoziiert, aber lose verbunden auf eine Art, die den Leser folgen und abschweifen lässt zugleich.

Es geht hier nicht gegen Theorien, sondern darum, dass auch die am Ende besser werden, wenn man sich alle Optionen des Denkens offenhält. Im Sinne des Nichtrechthabenwollens erzählt davon aber keine zusammenhängende Argumentation, sondern ein Schatz an unfertigen Gedanken, literarischen Szenen und Improvisationen. Das ist unterhaltsam, geistreich, mal rührend, mal scharf, mal witzig; es regt an, mal wieder den Faden zu verlieren, um sich genau damit aufs Denken einzulassen.

"Es gibt nicht nur eine Ethik des Meinens, sondern auch eine Ethik des Denkens", schreibt Seel. Und diese beiden befinden sich im Widerstreit. "Die Ethik des Meinens verlangt, den kognitiven Haushalt in Ordnung zu halten. Die Ethik des Denkens verlangt, im kognitiven Haushalt Feste zu feiern." An Aufforderungen, im kognitiven Haushalt Ordnung zu schaffen, mangelt es ja nie. Umso mehr darf man sich freuen über dieses Büchlein, das wie eine Einladung zu so einem Fest ist, auf deren Umschlag stehen würde: "Das schlagende Argument ist nicht das Beste, was der menschliche Geist zu bieten hat." Womit Seel natürlich recht hat.

Martin Seel: Nichtrechthabenwollen. Gedankenspiele. S. Fischer Wissenschaft, Frankfurt am Main 2018; 160 S., 18,– €, als E-Book 16,99 €