Sie kommen zur Probe, blättern die Noten auf und warten, dass der Mann am Pult sein Zeichen zum Einsatz gibt. Natürlich haben alle diese Sinfonie schon etliche Male gespielt, haben gewiss auch selbst Ideen zum Werk, doch die müssen sie in dem Moment vergessen, in dem der Dirigent da oben seine Auffassung zu Protokoll gibt. Wenn er (oder sie) die Klänge ordnet, die Tempi diktiert, die Stricharten der Geiger korrigiert – und mit allwissender Geste eine Interpretation einleitet, die ausschließlich in seinem Kopf entstanden ist.

Das ist der Normalfall.

Dann kam die historische Aufführungspraxis – und bescherte dem Musikleben zahllose Errungenschaften. Das Werk ist neuerdings keine freundliche, nachbarschaftlich vertraute Größe mehr, sondern ein spröder Berg, dessen Besteigung geplant und intellektuell gemeistert werden muss. Dafür waren die Musiker bei den Originalklang-Fexen immer mitbeteiligt. Das hatte und hat Folgen, fürs Teamwork, für den demokratischen Spirit und nicht zuletzt für die Autokratie des Dirigenten. Manche Ensembles schaffen ihn ganz ab, lassen sich vom Konzertmeister-Pult aus koordinieren und bitten nur von Zeit zu Zeit einen Taktstockträger aufs Podium.

Die Zusammenarbeit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen mit dem estnischen Dirigenten Paavo Järvi ist in den vergangenen Jahren an sich selbst gewachsen, ihre Beethoven- und Schumann-Aufnahmen haben Kultstatus erlangt. Die Bremer spielen zwar vorwiegend auf modernen Instrumenten, aber sie haben die Essenzen der Historisten abgeschöpft und synthetisiert. Ihre Botschaft: Man muss nicht darmbesaitet spielen, um so zu klingen. Vor allem dürfen sie von sich behaupten, nichts Unreflektiertes zu tun. Die Musiker begeben sich regelmäßig in sozusagen klösterliche Klausur, erarbeiten Werke mit höchster Genauigkeit und befinden sich doch permanent im Korrekturmodus – sogar während der Aufführung. Das hält wach und die Musik auf wunderbare Weise frisch.

Jetzt geht die gemeinsame Vermessung der Klangwelt mit Johannes Brahms weiter. Die 2. Sinfonie D-Dur haben sie schon aufgenommen, nun ist die Erste an der Reihe. Auch die 1. Sinfonie c-Moll zählt zu den ewigen Brummern, die durch unsere Philharmonien und Tonhallen fliegen. Sie liefert alles, was wir von Brahms erwarten: die herrischen Verschlingungen des Beginns, die Melancholie, das choralhafte Tuten der Posaunen, großartige Steigerungen, das Prinzip "per aspera ad astra" und das spezifische Element der "entwickelnden Variation", die Schönberg als wesenhaft für Brahms’ Sinfonik erachtete.

Selbstverständlich ist der Markt mit vielen guten Aufnahmen gesättigt. Man kann sich an den großartigen George Szell halten, an den unschlagbaren Günter Wand oder an den Entdecker John Eliot Gardiner. Auch Karajan war ein sehr guter Brahms-Interpret. Bernstein putschte sich an Brahms auf und vergoss sein Herzblut, Toscanini vereiste ihn, um ihn herrlich wieder aufzutauen. Norrington filetierte ihn.

Jetzt kommt Paavo Järvi und erzählt mit den Bremern die Geschichte des Stückes als die einer Kammermusik-Komposition, deren Schichten sozusagen nebenher eine Sinfonie ergeben. Man erlebt förmlich mit, wie sie die Partitur befragen, Phrasen neu modellieren, den Klang lichten oder konzentrieren. Wir hören nicht weniger als das denkende Orchester. Vor allem widerlegen sie die These, dass die Historisten zwanghaft alles besonders schnell und auf Alarm gebürstet spielen. In der langsam lastenden, schwer schreitenden Einleitung gibt es nach der Pizzicato-Heimlichkeit zwei erstaunliche Wunderharmonien aus Des-Dur und Ges-Dur, die sich wie eine Muschel öffnen und wieder schließen. Über diesen Moment der Kostbarkeit, der zugleich atmet und saugt, dirigieren die meisten Dirigenten hinweg. Järvi und seine Bremer deuten ihn als Ausblick in eine Parallelwelt, als Verheißung. Der Kessel steht nicht mehr unter Druck, die Musik darf blühen. Dann folgt das Hauptthema, und Järvi hat damit seinen Brahms definiert: Er ist gewiss schneidig, aber er darf erzählen, weil der Tag lang ist.

Das gelingt auch deshalb, weil kein Zentnergewicht an dieser Partitur hängt. Sie wird förmlich erleichtert um alle äußerliche Schwere. Die Bremer spielen mit vier Kontrabässen, mit reduziertem Vibrato, die Streicherbögen kleben nicht an den Saiten, es dringt Luft durch den Klang, es ist aufbruchsheller Frühling, kein Herbst, als dessen Soundtrack Brahms’ Musik so oft gebucht wird.