"Jetzt ist wieder Hühnermist dran!", ruft Johann van der Ham. Seine Gruppe hält mit ihrer Arbeit inne, bis ein junger Mann den Inhalt einer Schubkarre auf dem entstehenden Haufen verteilt hat. Dann schichtet das Team die nächste Lage aus Maisstängeln darauf. So geht es weiter auf der Lehrfarm am Stadtrand von Blantyre, bis der Berg aus Ernteresten und Exkrementen fast zwei Meter hoch aufragt. Ein Mann bohrt eine Eisenstange tief hinein. "Damit messen wir später die Temperatur", sagt van der Ham.

Seit fünf Jahren veranstaltet der Missionar in der Stadt im Süden Malawis schon Kurse zum Bau von Komposthaufen – und das Interesse wächst schneller als der Mais in seinem Garten. "Solange ihr die Stange noch anfassen könnt, stimmt alles. Wenn ihr euch verbrennt, ist der Kompost zu heiß, und ihr müsst kühlen."

Van der Ham unterrichtet Pastoren und Sozialarbeiter, sie kommen aus ganz Afrika. Einige von ihnen arbeiten in Konfliktregionen, andere in Flüchtlingslagern. Sie alle sind wichtige Multiplikatoren, und sie alle sind auch Bauern. In den Kompost setzen sie große Hoffnungen. Er kann viele Probleme lösen. Das größte: Er soll wieder Phosphor in ihre Ackerböden bringen.

Phosphor ist wichtig. Ohne Phosphor kann nichts leben. Menschen und Tiere nicht, Pflanzen nicht. Phosphor ist kein seltenes Element. Trotzdem ist Phosphor in großen Teilen der Welt knapp geworden. In Afrika lässt sich das beobachten. Was man dort sieht, gibt auch hoch entwickelten Industriestaaten zu denken.

In Deutschland ist Phosphor eher durch Überfluss aufgefallen: als Gewässerverschmutzer oder als Zusatzstoff im Essen. Er ist aber ein zentraler Bestandteil unserer Nahrung und unseres Organismus (in seiner oxidierten Form als Phosphat – die Begriffe Phosphor und Phosphat werden oft synonym verwendet). Ein gutes Pfund davon hat ein gesunder Erwachsener zu jedem Zeitpunkt im Körper. Phosphor sitzt an allen Schaltstellen des Lebens. In jeder Zelle als Energieträger Adenosintriphosphat, kurz ATP – kein Atemzug, kein Herzschlag, kein Gedanke ohne Phosphor. Im Erbgut – zusammen mit Zucker hält Phosphor die langen Ketten der DNA zusammen. Knochen und Zähne wären ohne Phosphor weich und nutzlos. Pflanzen haben keine Knochen, aber auch sie können ohne Phosphor weder atmen noch wachsen. Bei Mangel werden die Blätter lila, die Pflanze verkümmert, die Ernte ist hin. Jeder Bauer weiß das.

In Europa ist Phosphormangel selten, in Malawi ist er ein ernstes Problem. Ein Grund für den Mangel ist der Boden selbst. Die meisten Böden in Afrika sind von Natur aus arm an Nährstoffen – weil sie sehr alt sind. Über Millionen von Jahren sind die fruchtbaren Bodenschichten erodiert, bis das Grundgestein zum Vorschein kam. Diese alten Böden sind oft sauer, und in diesem Milieu geht Phosphor schnell feste Verbindungen mit Eisen oder Aluminium ein. Das lebensnotwendige Element ist dann für Pflanzen nicht verfügbar. Zudem haben in Malawi die Kleinbauern über Generationen hinweg Mais angebaut. Und danach wieder Mais. Und wieder Mais. Die Monokultur hat die Böden erschöpft.

In Blantyre hat sich die Kompostgruppe den Hühnermist von den Händen gewaschen. Nach dem Mittagessen geht es an die Theorie: Pflanzen ziehen sich das Phosphat aus dem Boden. Es muss durch Düngung nachgeliefert werden. Kompost kann nicht nur neue Nährstoffe in den Boden bringen. Er hilft auch, die Bodenstruktur zu verbessern, und macht so den schon vorhandenen Phosphor für die Pflanzen wieder zugänglich. Ohne diesen Nachschub gibt es auf Dauer keine Landwirtschaft. Und ohne Landwirtschaft gibt es auf Dauer nichts zu essen. Am Phosphor hängt also die Welternährung. Wer Phosphor hat, hat sehr viel Macht.

Das unterscheidet Phosphor von einem anderen unverzichtbaren Element für Leben und Landwirtschaft: Stickstoff hat praktisch jeder. Stickstoff liegt buchstäblich in der Luft, und seit Anfang des 20. Jahrhunderts lässt sich mit dem Haber-Bosch-Verfahren aus dem überall verfügbaren Gas problemlos Ammoniak herstellen. Aus dem lässt sich Sprengstoff machen, vor allem aber Dünger. "Brot aus Luft" lautete der Slogan zu Fritz Habers und Carl Boschs Zeiten. Das Verfahren hat einige Menschen sehr reich, vor allem aber sehr viele Menschen satt gemacht. Und es hat dazu geführt, dass Stickstoff heute praktisch überall und unbegrenzt zur Verfügung steht, für jeden, der über genügend Energie und die entsprechende Technologie verfügt. Stickstoff kann jeder "machen". Phosphor nicht.