Requiem für einen spanischen Landmann, eine Erzählung von knapp hundert Seiten, markiert den Höhepunkt im riesigen Werk des 1901 in Aragonien geborenen Ramón José Sender, mit dem dieser zum Klassiker der modernen spanischen Literatur avancierte und sich zugleich in die Weltliteratur einschrieb. Darüber hinaus ist diese Erzählung ein Schlüsselwerk für das Verständnis der Ursachen des Spanischen Bürgerkriegs, an dem Sender aufseiten der Verteidiger der Republik teilnahm, was er mit einem Leben im Exil und seine junge Frau mit dem Tod bezahlte. Ramón Sender Barayón, der Sohn von Ramón José und Amparo Sender, hat in seinem erschütternden Buch Ein Tod in Zamora die grauenvollen Details der Ermordung seiner Mutter recherchiert.

Entstanden ist Requiem für einen spanischen Landmann 1952 in Albuquerque (New Mexico), und sein ursprünglicher Titel lautete Mosén Millán (Hochwürden Millán), ist es doch dieser Landpfarrer, der in einem aragonischen Dorf während der Erntezeit 1937 die Totenmesse für den ermordeten Landarbeiter Paco el del Molino lesen will, aber vergeblich auf das Erscheinen seiner Gemeinde wartet. Einzig die drei reichen Grundbesitzer, die das Dorf beherrschen und Pacos Ermordung betrieben haben (aber nun die Seelenmesse für ihn bezahlen wollen), sowie das Fohlen Pacos, das seit dessen Ermordung frei im Dorf herumläuft, sind zur Kirche gekommen. Während der Geistliche stumm in seiner Sakristei verharrt, erinnert er sich an Pacos Leben, das er von dessen Geburt an begleitete.

Einst hatte der junge Paco, gegen den Willen seiner antiklerikalen Familie, den Priester als Ministrant zu einem in einer Felshöhle lebenden Schwerkranken begleitet, der die Letzte Ölung empfing. Dabei wurde nicht nur sein Mitgefühl mit den Armen und Entrechteten geweckt, er schwor sich auch, künftig das soziale Elend nicht mehr wie Hochwürden Millán als "gottgegeben" hinzunehmen, sondern aktiv zu bekämpfen. 23 Jahre später beginnt der Bürgerkrieg, Paco ist zum Gemeindevorsteher gewählt worden, der am Balkon des Rathauses und am Eingang zur Schule die Trikolore der Republik anbringt und darauf dringt, dass die Bauern keine ruinösen Pachtabgaben mehr an den die Gegend beherrschenden Herzog zahlen und ihr Vieh auf dessen Weiden treiben.

In der Folge wird die Guardia Civil unter einem Vorwand für einen Tag vom Dorf abgezogen, und es stürmen señoritos mit Knüppeln und Pistolen das Dorf, ein falangistischer Stoßtrupp, der sechs Dorfbewohner massakriert. Paco gelingt die Flucht in ein Versteck, das nur sein Vater kennt, der es jedoch im Gespräch mit Hochwürden Millán ausplaudert, im Glauben, der dem Sohn immer noch wohlgesinnte Priester kenne das Versteck ebenfalls. Als dieser von Pacos Feinden bedroht wird, die ihm versprechen, Paco am Leben zu lassen, wenn er ihnen sein Versteck verrät, wird der Priester zum Verräter.

Hans Ulrich Gumbrecht hat in seiner Geschichte der spanischen Literatur den andauernden Erfolg von Senders Erzählung mit der "Ambivalenz der Lektüremöglichkeiten" erklärt, da man sie nicht nur als Anklage gegen klerikale Heuchelei lesen könne, sondern auch als eine Tragödie, die aufzeigt, wohin "ein Handeln in der Konsequenz eigener moralischer Überzeugungen" führen könne. Doch wer sie heute liest, wird den Verrat des Geistlichen vor allem als Versagen der katholischen Kirche begreifen, die sich während des Spanischen Bürgerkriegs nicht auf die Seite des Volkes und der Republik gestellt hat, sondern den Franco-Faschismus massiv unterstützte, dem sie teilweise noch immer nachtrauert.

Womit Senders Erzählung noch heute den Leser packt und ergreift, ist vor allem ihre schnörkellose Sprache, die an jene eines antiken Geschichtsschreibers erinnert, der Glanz und Kraft seiner Formulierungen aus den behandelten Gegenständen selbst bezieht und nicht aus einem rhetorischen Fundus. Es war der großartige Suhrkamp-Lektor und Kritiker Walter Boehlich, der hierzulande als Erster in den frühen Sechzigerjahren für Ramón José Sender missionierte und selbst mehrere Bücher des spanischen Schriftstellers ins Deutsche übersetzte, darunter auch Requiem für einen spanischen Landmann. So verdienstvoll es ist, dass der Diogenes Verlag diese zeitlose Erzählung jetzt neu zugänglich macht, so wenig leuchtet es ein, dass er der Mode der Neuübersetzung erlag und mit dieser Thomas Brovot betraute, der Walter Boehlichs Übersetzung kaum eine neue Nuance hinzuzufügen vermochte.

Übrigens konnte in Senders Heimatland Spanien Requiem für einen spanischen Landmann erst 1974 veröffentlicht werden, ein Jahr vor Francos Tod, "als Regimegegner immer noch verfolgt, gefoltert und mit dem Würgeeisen hingerichtet wurden" (wie Erich Hackl in seinem vorzüglichen Nachwort zur Neuausgabe schreibt) und, sei hinzugefügt, als jährlich Millionen Deutsche an die spanischen Küsten fuhren, die von alledem nichts wissen wollten.

Ramón José Sender: Requiem für einen spanischen Landmann; a. d. Span. von Thomas Brovot;
Diogenes, Zü̈rich 2018; 128 S., 20,– €, als E­-Book 16,99 €