M. Maus, der berühmteste Nager der Welt, feiert 90. Geburtstag, und Disney meldet mit 12,6 Milliarden Dollar das beste Ergebnis aller Zeiten. Doch hängt 81 Jahre nach dem Welthit Schneewittchen der Segen bei Disney schief, jedenfalls in der Prinzessin-Sparte. "Falsches Frauenbild", monieren die KritikerInnen und verweisen auf Aschenputtel und Dornröschen. Diese Traumbilder kleiner Mädchen seien hilflose, passive Wesen, die von Männern befreit werden müssten. Wieso, fragt eine Disney-Schauspielerin, hat der Prinz Schneewittchen geküsst, ohne um Erlaubnis zu bitten?

So einfach haben es sich die Brüder Grimm nicht gemacht. Denn unsere Märchen wimmeln von starken Weibern. Die mächtige böse Fee hat D. im Dornenwald eingesperrt; die Prinzen entpuppen sich als Leichtgewichte, die ihr Leben lassen müssen – siehe auch Puccinis Turandot, die ihre dümmlichen Verehrer reihenweise köpfen lässt. Schneewittchens Stiefmutter ist eine kaltblütige Lady Macbeth, die im Ödipal-Konflikt ihre Schergen auf das Kind hetzt. Aschenputtel wird nicht von einem royalen Schuh-Fetischisten gerettet, sondern von einer allgewaltigen guten Fee.

Rapunzel, scheinbar eine unbedarfte Blondine, trickst die Zauberin aus, bis die ihr auf die Schliche kommt und den Prinzen aus dem Turmverlies in die Dornen stürzen lässt, wo er erblindet. Rapunzel gibt ihm das Augenlicht zurück. Gretel übernimmt das Regiment im Hexenhaus, rettet den tumben Hänsel und verbrennt die Kannibalin. Die "Schöne" bezwingt das "Biest" und erlöst es vom Fluch. "Hans im Glück" war ein Loser. Wer rettet die sieben Geißlein vor dem (männlichen) Wolf? Die Mutter, die gewiefte Strategin.

In Kinder brauchen Märchen ist Bruno Bettelheim der Sache auf den psychoanalytischen Grund gegangen. Es geht nicht ums Patriarchat, wo das "schwache Geschlecht" vom starken wach geküsst wird, sondern um uralte Archetypen. Die helfen den Kindern, mit ihren Ängsten fertigzuwerden. Es geht um Elternverlust, Geschwisterkampf, Mutter-Tochter-Rivalität ("Wer ist die Schönste im ganzen Land?"), die Qual der aufkeimenden Sexualität. Die wird im Froschkönig durch den ekligen, aufgeblasenen Frosch symbolisiert, der in ihr Bett will. Die Prinzessin hört nicht auf den König, sondern klatscht das gierige Tier an die Wand. Sie agiert autonom und bestimmt, wann das Kind zur Frau wird.

Wer für Gender-Mainstreaming plädiert, übersieht, dass die Männer Statistenrollen spielen. Wo ist der Vater, der bei Hänsel und Gretel ein Machtwort spricht, der Aschenputtel vor der bösen Stiefmutter schützt? Diese Märchen sind unsäglich grausam, aber warum wollen die Kinder sie immer wieder hören? Weil diese moralischen Fabeln ihre Ängste aufnehmen und aufheben, weil das Gute obsiegt und das Böse bestraft wird. Erklingt "Und wenn sie nicht gestorben sind ...", zieht wieder Ordnung in ein schreckenerregendes Universum ein.

Unsere Märchenheldinnen bestehen ihre Prüfungen, und wo sie Hilfe brauchen, wird die von anderen Frauen oder geschlechtslosen Zwergen geleistet. In unserer Zeit hätte es Gretel mit ihrem kühlen Verstand und strategischen Geschick in den Vorstand geschafft, das fleißige Aschenputtel in den Parteivorsitz. Aber aus heutigen Karrieren lässt sich noch kein Moralstück von zeitloser Bedeutung spinnen. Rotkäppchen geht auf das 10. Jahrhundert zurück.