Die Leiche des Kriegsministers wird von der aufgebrachten Menge an einem Laternenpfahl aufgeknüpft. Gehöhnt und gejauchzt hätten sie dabei, schreibt Anselm Rothschild im Oktober 1848 aus Wien an seinen Vater Salomon. Der sitzt gerade in Frankfurt und bangt. Der Bankier ist in Bedrängnis. Siegt die Revolution, könnte es das wirtschaftliche Ende bedeuten, zu eng ist die Familie mit der Regierung verbunden. "Holt mich der Teufel, holt er Sie auch", hatte Metternich, der mächtige Staatskanzler, Salomon einmal gewarnt.

In Wien steht Anselm Rothschild am Fenster seines Bankhauses in der Renngasse 1. Von hier aus überblickt er die Geschehnisse auf der Freyung und berichtet darüber an die Verwandtschaft in ganz Europa. Schon im März konnte er Massen beobachten, die in die Stadt drängen.

Detailreich beschreibt der Linzer Wirtschaftshistoriker Roman Sandgruber in seinem neuen Buch über die Familiendynastie die Bedrängnis, in der das Bankhaus in diesen Monaten steckt. Doch die Revolution scheitert, die Wiener "hätten eine Lektion bekommen, die sie lange zu verdauen haben werden", schreibt Anselm daraufhin jubelnd. Und über die Erschießung des deutschen Revolutionärs Robert Blum in der Brigittenau ätzt er: "Ein Erzschuft weniger in der Welt."

Zur Zeit der Unruhen von 1848 sind die Rothschilds eine über ganz Europa verteilte Familie mit Macht und viel Geld. Der Kaiser in Wien meinte bereits im Jahr 1819, Amschel, der Frankfurter Gründer der Dynastie, sei "reicher als ich". Die Rothschilds prägten Mitteleuropa wie nur wenige Familien. Ihre Geschichten wurden oft in dicken Büchern erzählt. Trotzdem hat Sandgruber einen neuen Band mit 528 Seiten über sie geschrieben, in dem es ihm gelingt, viele Lücken in der schillernden Geschichte zu füllen.

Die Mitglieder des österreichischen Zweigs der Familie sind in den Standardwerken stets nur Nebenakteure. Der Grund: Das familieneigene Wiener Archiv, das im Jahr 1800 beginnt, war bis 1938 nicht zugänglich. Die Nazis verfrachteten es nach Berlin, von dort gelangte es 1945 nach Moskau und 2001 zurück zur Familie – nach London, denn einen Wiener Zweig der Rothschilds gab es damals schon lange nicht mehr.

Wer sich mit der österreichischen Wirtschaftsgeschichte beschäftigt, der komme an den Rothschilds nicht vorbei, sagt Sandgruber, "es war mit Abstand die reichste Familie des Habsburgerreichs". Ihr Einfluss auf das Land hielt über 120 Jahre an, es gibt fast kein relevantes Ereignis in der politischen Geschichte des 19. Jahrhunderts, bei dem nicht ihr Name auftaucht: Kriege, Eisenbahnbau, Industrialisierung, Gründung der Nationalbank – überall kommt sie vor.

In den unteren Stockwerken des New Court in der St Swithin’s Lane mitten im Zentrum Londons, im alten Teil des Gebäudes der Rothschild-Bank, lagert das Archiv. Zwei Empfehlungsschreiben musste Roman Sandgruber vorweisen, damit er im Archiv arbeiten durfte – eines davon kam vom österreichischen Botschafter in London.

Wie ein Banker in der Mitte des 19. Jahrhunderts fühle man sich dort, erzählt Sandgruber. Die Räume wurden weitgehend im Originalzustand belassen, man sitzt vornehm in Leder-Fauteuils. Der österreichische Nachlass besteht aus 140.000 Seiten, viele davon im Frankfurter Dialekt verfasst, in hebräischen Buchstaben geschrieben und nur mit großer Mühe entzifferbar.

Es sind Dokumente, die bislang in der Rothschild-Forschung nicht berücksichtigt wurden. Es finden sich Bilanzen, Abrechnungen über die Güter und vor allem unzählige Briefe. Darunter viele, in denen private Streitigkeiten ausgetragen wurden. Roman Sandgruber hat daraus eine wissenschaftlich fundierte Geschichte gemacht und erzählt sie packend wie einen großen Familienroman. Er zeigt, dass die Bedeutung der Rothschilds auch für Österreich gar nicht überschätzt werden kann.