Am Sonntagmittag, 9. September, klingelt das Telefon in der Leipziger ZEIT-Redaktion. Am Apparat ist der Innenminister von Sachsen-Anhalt. Es wird nicht der einzige Anruf bei einer Redaktion sein, den Holger Stahlknecht (CDU) an diesem Tag tätigt. Er meldet sich, weil in der Kleinstadt Köthen in der Nacht zuvor ein Deutscher ums Leben gekommen ist, in einer Auseinandersetzung mit Asylbewerbern. Es war ein Streit um eine junge schwangere Frau entbrannt. Vielleicht eine Schubserei, ein Sturz. Am Morgen, sechs Uhr, habe er von dem Todesfall erfahren, sagt Stahlknecht. Er habe sein Ministerium zusammengetrommelt und die Abteilungsleiter geweckt. Die Justizministerin alarmiert. Und nun melden er und seine Leute sich bei Zeitungen und Online-Medien, um sie zu informieren und so Gerüchten vorzubeugen.

Für denselben Nachmittag um 15 Uhr hat er da schon eine Obduktion angesetzt. Er will schnelle Aufklärung. Neonazis rufen für den Abend zu Großdemos in Köthen auf. Er geht in diesem Moment davon aus, dass Sachsen-Anhalt eine ähnliche Lage drohen könnte, wie sie zuletzt in Chemnitz zu beobachten war – wenn man nicht aufpasst. Er ist aber entschlossen, ein zweites Chemnitz zu verhindern. Sein Ministerium hat Bundespolizei angefordert und Landespolizei aus ganz Deutschland.

Am Abend, Stunden nach dem Anruf, ist die Lage in Köthen tatsächlich angespannt, 2.500 Bürger nehmen an einer Demo teil, die von Hunderten Neonazis dominiert wird. Aber es bleibt ruhig. Die Polizei ist dominant. Gerüchte haben sich, anders als in Chemnitz, kaum verbreitet. Es gibt keine Eskalationen. Köthen wird deshalb in den folgenden Wochen nicht zum stehenden Begriff für einen versagenden Staat und eine überforderte Polizei. Sondern eher zum Symbolort dafür, dass schwierige Situationen zu managen sind, wenn man es geschickt anstellt.

Wer seit einer Weile die Regierungsgeschäfte in Sachsen-Anhalt beobachtet, der kommt schnell auf den Gedanken: Könnte es sein, dass proaktive Politik, transparente Öffentlichkeitsarbeit, schnelle Kooperation mit anderen Bundesländern, dass all das womöglich ein ganz gutes Rezept ergibt in diesen Zeiten, ein gutes Rezept gegen Populismus und Wut? Und grundsätzlicher gefragt: Könnte es sein, dass Sachsen-Anhalt deutlich besser regiert wird, als viele glauben? Dass in Sachsen-Anhalt der Staat weit effizienter funktioniert, als er, zum Beispiel, in den vergangenen Jahren in Sachsen funktionierte?

Womöglich beweist hier ein ostdeutsches Bundesland, dass Unzufriedenheit einzuhegen ist. Jedenfalls vorläufig.

Denn natürlich sind auch die Bürger von Sachsen-Anhalt anfällig für Populismus und die AfD. Auch in Sachsen-Anhalt gibt es die großen ostdeutschen Probleme, manche sogar verstärkt. Die Wirtschaft brummt auch 30 Jahre nach 1989 nicht, die Industrie ist winzig, und wer arbeiten will, pendelt oft. Dennoch hat Sachsen-Anhalt es geschafft, den Eindruck zu vermitteln, dass die Laune hier besser ist.

Der Optimismus größer. Irgendwie hat man das Gefühl: Dieses Land hat Lust, etwas hinzubekommen.

Das hat, so schaut es jedenfalls aus, durchaus mit Genügsamkeit zu tun. Mit der stillen Zufriedenheit der Leute zwischen Altmark und Harz. Man könnte sagen: Wenn keiner mehr Erwartungen an einen hat, nicht einmal man selbst – dann kann man sie jedenfalls umso leichter übertreffen.

Aber das kann noch nicht das ganze Geheimnis sein. Da muss es noch mehr geben.

Fragen wir Reiner Haseloff.

Ein noch recht sonniger Tag in Bitterfeld: Der CDU-Ministerpräsident, 64, sitzt am Ufer des Goitzsche-Sees und trinkt eine Kokosnusslimonade. Haseloff hat gute Laune. So schön wie hier am See, sagt er, erwarte sein Land immer keiner: schön, idyllisch, nett. "Das Problem ist, dass Sachsen-Anhalt häufig weniger zugetraut wird, als es kann. Aber vielleicht ist das auch gar kein Problem. Vielleicht ist das unsere Chance." Keiner kann besser als Haseloff erzählen, aus welcher Lage Sachsen-Anhalt sich aufgerichtet hat. Denn er war einst im Zentrum aller Probleme: Von 1992 bis 2002 arbeitete er als Direktor des Wittenberger Arbeitsamts. Wahnsinnige Zeiten, wirklich.

Man muss es noch einmal ganz kurz rekapitulieren: "Es gibt kein Ostland, das von der Transformation nach 1990 stärker betroffen war als wir", sagt Haseloff. Denn hier saß die Chemieindustrie der DDR, war der Niedergang nach 1990 besonders gewaltig. "Wir hatten eine Arbeitslosenquote von fast 50 Prozent." In seinem Arbeitsamt hatten 80 Prozent der Leute im Bezirk eine Akte gehabt. Entweder weil sie eben ohne Job waren. Oder weil sie zumindest umgeschult wurden, von Kurzarbeit betroffen waren, was auch immer.

Und jetzt? Sachsen-Anhalt hat heute eine Arbeitslosenquote von 7,1 Prozent. Steht damit, im deutschlandweiten Vergleich, immer noch nicht bombastisch da. Aber hat immerhin das schwache Westland Bremen überholt, außerdem Berlin. Und gemessen daran, wo man herkommt? Gemessen daran, wie es anderen strukturschwachen Regionen Europas geht?