Beim Schach geht es ums Gewinnen. Man muss seinen Gegner matt setzen. Das ist bei aller Härte ein Akt des Respekts, wie es ihn in vielen anderen Kampfsportarten gibt. Da fließt kein Blut, da knackt kein Genick. Im Moment des Sieges wird vom anderen abgelassen. Der König wird nicht geschlagen, sondern würde geschlagen: im nächsten Zug nämlich, der nicht mehr aufs Brett kommt. Ein Konjunktiv statt einer Exekution. Alle Bauern und Offiziere mögen verschwinden, der König bleibt, noch in der Niederlage.

Das Schachpublikum hat gleichwohl einen Hang zum entfesselten Triumph. Man möchte grandiose Kombinationen sehen, Opfer, am liebsten der Dame, den Sieg des Geistes über die Materie. Dann kennen die Kiebitze, die staunend um das Brett stehen oder mit dem Opernglas die Galerie bevölkern, kein Halten mehr. Jubel, Applaus, habt ihr das gesehen? Die besten Partien gehen in die Geschichtsbücher ein, jedenfalls seit es Bücher gibt; Schach ist ja noch etwas älter.

Als das königliche Spiel im 19. Jahrhundert vom Bürgertum adaptiert wurde, war es ein Hauen und Stechen. Wilde Angriffe ohne Rücksicht auf Verluste. In Schönheit siegen, in Schönheit sterben. Romantisches Schach wird diese Periode heute genannt; man erinnert sich ihrer gern, so wie man gern an Kaffeehäuser denkt oder an Grammofone. Kein großer Meister heute spielt mehr so, sonst wäre er kein großer Meister, sondern steckte im Mittelmaß fest. Über die Jahrzehnte wurde die Verteidigung nämlich so verstärkt, dass der Angriff andere Mittel braucht als Augen zu und durch.

Schach ist ein endliches Spiel mit so vielen Möglichkeiten, dass sie weder vom Menschen noch von Computerprogrammen ausgelotet werden können. Dessen ungeachtet gibt es einen enormen Wissenszuwachs über die Mechanismen des Zusammenspiels von Raum, Zeit und Material.

Im Duell des Weltmeisters Magnus Carlsen mit seinem Herausforderer Fabiano Caruana in London lässt sich das Runde um Runde beobachten. Die beiden Mittzwanziger sind nahezu gleich stark, stehen in der Weltrangliste auf den Plätzen eins und zwei. Der Norweger ist ein Mann der Ausdauer und der Physis, ausgestattet mit faszinierender Intuition. Er spürt, wohin die Figuren ziehen wollen. Der Italoamerikaner ist ein mathematisch anmutender Nerd mit Hornbrille, der sich aufs Kalkulieren versteht wie auf die penible Eröffnungsvorbereitung, in die er beständig Überraschungen einbaut. Abseits des Bretts ist er von gleichbleibender, entspannter Freundlichkeit, lässt alles Negative von sich abfallen durch Yoga – wohingegen Carlsen, der maskuline Sportfanatiker, überschüssige Energie in Divenhaftigkeit transformiert.

Die unterschiedlichen Typen könnten das Gewürz dieses WM-Kampfes sein, bloß ist in den Partien davon wenig zu bemerken, weil das Schach des 21. Jahrhunderts keine Frage des Gutdünkens und der Laune mehr ist. Es ist konkreter, härter, algorithmischer als je zuvor. Es ist ein Spiel der Nuancen, des ätherischen Vorteils. Es verzeiht nichts. Um damit umgehen zu können, muss man sich zurücknehmen und einlassen.

Beide tun das auf ihre eigene Art. Carlsen eröffnet die Partien seltsam ambitionslos und packt erst in der Not zu, um dann alle mit seinem Einfallsreichtum zu beeindrucken, so in der sechsten Runde. Caruana wird in kritischen Momenten vorsichtig bis hin zum Zögern, um den Titelgewinn nicht durch eine Unachtsamkeit in unerreichbare Ferne rücken zu lassen, so in der achten Runde.