Von einem Theaterdirektor, der eine neue Bühne übernimmt, wird beispielhaftes Handeln im Innen- wie im Außendienst erwartet. Er soll nicht nur die kleine Gesellschaft in seinem Haus gerecht führen; er soll auch zeigen, was er vom Zustand des großen Ganzen da draußen hält. Er soll zum Auftakt seiner Intendanz ein gültiges Weltmodell auf die Bühne stellen.

Als kürzlich Johan Simons am Schauspielhaus Bochum seine Arbeit aufnahm (ZEIT Nr. 46/18), da beschrieb er, in Feuchtwangers Jüdin von Toledo, die Welt als ein Schlachthaus, das in der Mitte von einer Wand geteilt wird. Am Ende wird die Wand zertrümmert, doch das überleben die Figuren nicht: Sie werden von den Trümmern erschlagen. Nicht einmal durch ihre Befreiung sind sie zu retten.

Auch der neue Intendant des Stuttgarter Staatsschauspiels, Burkhard C. Kosminski, zeigt uns zum Start (er inszeniert Vögel des libanesisch-kanadischen Autors Wajdi Mouawad) eine Welt, die von Mauern zerteilt wird. Jedoch, über diese Barrieren fliegen am Ende märchenhaft die Menschenseelen hinweg und scheren sich nicht um Nationalitäten und Religionen. Sie sind zu Vögeln geworden. Kurz: Wo Simons in Bochum Menschen zeigt, die ohne Grenzen nicht existieren können, da träumt Kosminski in Stuttgart vom Gegenteil.

Vögel ist ein Stück der unsichtbaren Mauern. Sinnlich erfahrbar wird es durch die vielen Sprachen, die in ihm gesprochen werden: Hebräisch, Deutsch, Arabisch, Englisch. Ein Sprachwechsel ist hier immer auch ein Masken- und Kostümwechsel – und manchmal auch eine Fahnenflucht, ein Sprung von einem Lager ins andere.

Vögel handelt von der Liebe zwischen Eitan, einem jungen deutschen Juden, und Wahida, einer in New York lebenden Palästinenserin. Alle, die Familie des Mannes und das Umfeld der Frau, sind gegen diese Liebe. Vor allem David, der Vater des Jungen, der sein Dasein als abzutragende Schuld gegenüber den "Giganten" (den in der Schoah umgekommenen Vorfahren) versteht und alle Araber hasst, ist ein Feind dieses Verhältnisses. Als wäre er die zentrale (also blinde) Gestalt einer Parabel, muss er schließlich begreifen, dass sein Hass Wahnsinn ist. Denn er erfährt, dass er selbst ein Palästinenser ist, der als Säugling im Krieg von einem jüdischen Paar aus den Trümmern gerettet und großgezogen wurde. Somit ist David ein ganzer (und sein Sohn Eitan ein halber) Palästinenser – also sein eigener Feind. Er müsste sich selbst hassen. Was er auch tut – ehe er stirbt.

Burkhard C. Kosminski, der sich in Mannheim als Intendant des Nationaltheaters den Ruf eines soliden Erst- und Uraufführungsregisseurs erwarb, führt in Stuttgart seinen Auftrag fort – solide. Extravaganz liegt bei ihm nicht im Regiestil, sondern in der Zusammenstellung des Ensembles. Unter den Schauspielern sind die israelischen Darsteller Dov Glickman und Evgenia Dodina (als Gäste) und der israelische Theaterstar Itay Tiran, der von Tel Aviv nach Stuttgart zog, um sich Kosminskis Ensemble anzuschließen.

Verblüffend ist die Sprachgewandtheit der Spieler. Namentlich Itay Tiran und der junge Martin Bruchmann (als Eitan) wechseln in Sekunden drei-, viermal die Sprache, als wären sie auf der Flucht. Alle Schauspieler setzen ihre Worte sehr markant – sie scheinen hinaufzusprechen zu einem schwerhörigen Gott, der sich nur für die lautesten Exemplare seiner Schöpfung interessiert. Der Vorteil dieses Sprechens ist, dass man den Text gut versteht. (Das nicht zu Begreifende steht in lesefreundlicher Großbuchstabenübersetzung auf Papierwänden hinter den Schauspielern.) Der Nachteil ist, dass der Dialog bisweilen wie ein Turnier von Thesen klingt. Allerdings passt das zu den Vögeln, denn es ist ein Appellstück: Wohlwollend brüllt es die ganze Welt an, wie es ein Vater mit seinen zerstreuten Kindern tut. Mouawads Botschaft ist: Ihr seid alle gleich, es ist grundsätzlich genug von allem da, keiner ist besser als ein anderer, also teilt miteinander, hasst euch nicht!