Mit einem Kloß im Hals gibt Alice Weidel zu Beginn dieser Woche vor ihrer 92-köpfigen Fraktion eine persönliche Erklärung zu der Spendenaffäre ab, die nun seit knapp zwei Wochen die AfD beschäftigt (siehe Infokasten). Die Abgeordneten, von deren Wohlwollen Weidels politisches Überleben jetzt abhängt, zeigen sich in SMS nach draußen überrascht: Wow, so kennt man die Chefin gar nicht!

Die Fraktionsvorsitzende sagt, sie sei naiv gewesen, habe zu sehr auf Professionalität in ihrem Kreisverband Bodensee vertraut, die einfach nicht da gewesen sei – eine Schuldzuweisung an andere also, aber im Gewand der Zerknirschung. Berater hatten Weidel einen solchen Auftritt nahegelegt: Etwas Demut solle sie zeigen, nicht so kalt, hochfahrend und rational wie sonst auftreten, mehr Herzlichkeit wagen. "Es sollte menscheln", sagt ihr Mitarbeiter Daniel Tapp. Er kennt das schon: Tapp hat sieben Jahre lang für die FPÖ-Politikerin Barbara Rosenkranz in Wien gearbeitet. "Niemand käme auf die Idee, von Alexander Gauland mehr Herzlichkeit zu verlangen. Bei einer Frau ist das Standard."

Auf Weidel folgt ein ausschweifender Vortrag des Staatsrechtlers Karl-Albrecht Schachtschneider, in dem er der Fraktionschefin so lange ein völlig korrektes Verhalten bescheinigt, bis es einen geradezu heroischen Schimmer annimmt. Schachtschneider ist Mitglied im Kuratorium der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung, also nicht unbedingt das, was man sich unter einem externen Sachverständigen vorstellt.

Danach herrscht Frieden. Weidel scheint vorerst gerettet. Ein einziger von 92 Abgeordneten, der Sachse Siegbert Droese, fragt in scharfem Ton: "Was muss eigentlich noch alles passieren, bis Sie persönliche Konsequenzen ziehen?" Weidel bescheidet ihn schmallippig: Diese Frage habe sich erledigt – und so sieht es die überwältigende Mehrheit der Anwesenden auch. Das war es dann mit der Demut. Die Wagenburg schließt sich.

Was ist da gerade los in der Alternative für Deutschland, die sich vorgenommen hatte, die etablierten Parteien mit Hyperkorrektheit das Fürchten zu lehren? Die in ihrem Grundsatzprogramm fordert, die Beeinflussung der politischen Willensbildung durch Großspender zu verhindern, ja Spenden von Firmen ganz zu verbieten? Weidel selbst hatte am 21. September 2017 ihre Anhänger auf Facebook dazu aufgefordert, Geld an die AfD zu spenden: "Im Gegensatz zu anderen Parteien haben wir keine Großspender." Da wusste sie nach eigenem Bekunden schon seit vier Tagen, dass das nicht der Wahrheit entsprach. Ihre Entschuldigung: Verantwortlich sei ihr Social-Media-Team.

Die AfD befindet sich in einer Art euphorisierter Stresssituation. Einerseits spürt sie das Kribbeln eines gigantischen Doppelerfolgs im kommenden Jahr in den Fingern: Mit einem starken Einzug an der Seite der anderen europäischen Rechtspopulisten setzt sie an zum Sturm auf Brüssel, auf die "EU-dSSR", wie es jetzt auf dem Europa-Parteitag der AfD in Magdeburg permanent hieß. Und dann soll ein Triumph über CDU und Linkspartei bei den ostdeutschen Landtagswahlen folgen. Vor diesen Wahlen will man, so sagt es der sächsische Bundestagsabgeordnete Siegbert Droese, "einfach Ruhe im Karton". Einen Rücktritt an der Fraktionsspitze, der einem Schuldeingeständnis Weidels gleichkäme, kann man da nicht brauchen.