Es gibt auf beiden Alben musikalisch extrem viel zu entdecken, so viel, dass man die Rahmenhandlung gar nicht bräuchte. Da wäre zum Beispiel die Sache mit Bach. Bach ist der gemeinsame Nenner, gar nicht der kleinste, aber der auffälligste, zumal ja sowohl Daniil Trifonow als auch Igor Levit diesmal ganz verschiedene Prioritäten haben auf ihren Reisen in völlig unterschiedliche Richtungen.

Damit auf Trifonows Rachmaninow-Album das berühmte zweite Klavierkonzert nicht ungebremst auf das vierte kracht, spielt Trifonow dazwischen die drei Transkriptionen aus Johann Sebastian Bachs Partita Nr. 3 – schöne, leichte, unbeschwerte Töne, gut zum Luftholen, eingerahmt von den beiden Kolossen in Moll. Aber Trifonow schafft es, die Bach-Miniaturen mit so viel Übermut und Energie aufzuladen, dass sie auf die Kolosse abstrahlen, denen es auch nicht gerade an Feuer mangelt. Eine kraftstrotzendere, lebensprallere Rachmaninow-Einspielung als diese hat es selten gegeben.

Igor Levit spielt auf seinem Album Life die Chaconne aus der Partita Nr. 2, in der Bearbeitung von Johannes Brahms. Schon artistisch ist das Stück nicht zu unterschätzen, weil die linke Hand allein alle Stimmen spielt. Es gibt kaum eine Aufnahme, bei der diese Schikane nicht früher oder später auch musikalisch ins Gewicht fiele. Bei Levit merkt man von solchen Schwierigkeiten keinen Hauch. Auch auf seinem Album setzt Bach den Ton für das ganze Projekt, auch bei ihm strotzt er vor Energie, allein: Schön ist das nicht. Sondern schmerzvoll und klagend, Levit arbeitet sich an der Musik ab, spielt sich das Stück von der Seele, es ist keine reine, unverbrauchte Musik mehr, sie klingt widersprüchlich und beladen.

Trifonow stürmt vorwärts, Levit versenkt sich. Trifonow erobert, Levit sinniert. Das wäre wahrscheinlich die Formel, mit der sich die beiden Alben aufschlüsseln ließen – und es gäbe auch noch ein paar andere Ansatzpunkte, die diese beiden sehr besonderen Neuerscheinungen zweier sehr besonderer und sehr verschiedener Pianisten verbinden. Es ist aber gar nicht nötig, sich darüber weiter Gedanken zu machen, denn wie die beiden Œuvres zu verstehen sind, das geben die Labels den Hörern und Käufern gleich mit an die Hand, in nie gekannter Deutlichkeit: Hier darf die Musik bitte nicht einfach nur Musik sein, hier muss sie Teil einer großen Geschichte werden. Von der erzählen auch gleich die Titel: Life von Igor Levit und Destination Rachmaninov: Departure von Daniil Trifonow, zwei ultimative Lebenswendepunkte.

Während sich Trifonow hungrig in einen neuen Klangkosmos begibt, versammelt Levit auf seinem Life-Album ein kluges Konzertprogramm aus Herzensstücken – neben dem schon erwähnten Bach finden sich da die Geistervariationen von Schumann, A Mensch aus dem Zyklus Dreams von Frederic Rzewski, sehr berührend, Fantasie und Fuge über den Choral Ad nos, ad salutarem undam von Liszt, Wagner-Paraphrasen aus Parsifal und Tristan und Isolde, zwei Stücke von Ferruccio Busoni und als melancholische Schlusspointe Bill Evans’ Peace Piece. Es ist ein andächtiges, stilles, dunkel gefärbtes Programm, in sich gekehrt statt vorwärtsdrängend, ohne rechte Höhepunkte – und das aus einem bestürzenden Grund: Levit hat es zusammengestellt nach dem plötzlichen Tod seines besten Freundes und will jetzt das Leben feiern. Ein trotziges Album mit großer Kraft, aber eines, das den Lebensmut noch nicht vollends zurückerobert hat. Wenn man dann erfährt, dass Levit die Werke in der Jesus-Christus-Kirche in Berlin tatsächlich auf einem neuen Steinway eingespielt hat, tut einem das doch ein wenig leid. Weil es dem Programm viel mehr genutzt als geschadet hätte, mit einem Instrument konfrontiert zu sein, das selbst auch schon etwas mehr vom Leben gesehen hat.