Am 23. August 2011, ein Jahr nach seiner Krebsdiagnose, zwei Jahre vor seinem Selbstmord, macht Wolfgang Herrndorf sein Testament. In seinem Tagebuch Arbeit und Struktur vermerkt er, er habe "Bücher mit Notizen, Korrespondenzen, Tagebüchern aus 28 Jahren" vernichtet – dazu ein Foto, das eine Wanne zeigt, randvoll mit Wasser und Papier. Herrndorf wollte selbst entscheiden, was wert ist, auf die Nachwelt zu kommen. Jetzt ist ein Nachlass-Band erschienen, er heißt Stimmen, und die Herausgeber, Marcus Gärtner und Cornelius Reiber, schreiben in ihrem Nachwort: "Die wiederholten Säuberungsaktionen sagen aber auch etwas aus über den Status der Texte, die von dieser systematischen Vernichtung verschont blieben." Außerdem habe es auf Herrndorfs Laptop einen Ordner gegeben mit dem Namen "Ungesehen löschen". Im Umkehrschluss folgern die Herausgeber, dass Texte, die weder vernichtet noch in diesen Ordner sortiert worden sind, keinem "generellen Veröffentlichungsverbot" unterlägen. Diese und eine erkleckliche Anzahl an Texten, die Herrndorf im Internetforum Die höflichen Paparazzi gepostet hat, sind in Stimmen zusammengefasst.

Die Qualität der Texte ist schwankend: Manches ist absolut brillant, wenn sich in Herrndorf-typischer Weise scharfer Verstand mit Sinn für lakonische Pointen paart. Anderes ist okay wie die eher essayistischen Zeitgeist-Beobachtungen. Die eindringlichen Kindheitserinnerungen kreisen bereits um Einsamkeitssorgen und die Suche nach einem coolen Verhältnis zur Welt. Es gibt Texte, die einen mitten hineinwerfen in die große Berlin-Party der Nullerjahre, wo die Körper dicht gedrängt in der WG-Küche stehen und man den Schweiß des Nachbarn einsaugt und sich trotzdem verloren fühlt: "Zu Fuß ging ich nach Hause und heulte den ganzen Weg, weil ich so einsam war."

Immer ist Herrndorf ein lakonischer Stilist, der wie im Falle des berufsmäßigen Systemanarchisten, Radiomoderators und Stasi-IMs Jürgen Kuttner aus moralischen Prätentionen die Luft rauslassen kann. Alle Formen von ästhetischem Posertum hingegen werden auf lässig ambivalente Art zugleich gewürdigt und enttarnt.

Der Schriftsteller Joachim Lottmann war schon immer eine Lieblingsfigur Herrndorfs. Auch in Stimmen taucht er wieder auf, wenn der Erzähler sich Lottmanns Wartburg schnappt und damit durch Brandenburg braust, als würde er Tschick vorwegnehmen: "Ich öffnete die Fahrertür, sie war nicht abgeschlossen. Das war mir vorher klar gewesen, dass Lottmann sein Auto nicht abschloss. Auch wieder so ein Trick, um sich wichtig zu machen." Und dann heißt es weiter: "Ich war mir ziemlich sicher, dass Lottmann sich auch darüber freuen würde, dass es (das Auto) endlich einer geklaut hatte, das wäre wieder ein wahnsinnig interessanter Gesprächsstoff für Lottmann. Er würde es nicht mal der Polizei melden. Oder nur, um die unglaublich interessante Polizei-Situation zu erleben, keine Angaben über das Auto machen können, keine Fahrzeugnummer wissen, die falsche Farbe angeben, sich vor den Polizisten zum Kackdackel machen, das ganze Programm."

Es ist ein Literatur-Battle, den Herrndorf gewinnt, nicht weil er Lottmanns Auto klaut, sondern weil er die umfassendere Geschichte erzählt, in der er, Herrndorf, der Erzähler und Lottmann nur noch der Protagonist ist. Souverän ist, wer die Erzählerposition besetzt. Nur so behält man das letzte Wort. An anderer Stelle heißt es einmal: "Falls ich jemals etwas anderes als reine Fiktion schreiben sollte, erschießen Sie mich bitte." Es ist ein Satz, der seinen Fiktionalitätsstatus nur mit Mühe zu halten vermag.

Wolfgang Herrndorf: Stimmen. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2018; 192 S., 18,– €, E-Book 14,99 €