Immer häufiger beschleicht Alexander Korte das Gefühl, dass in seiner Disziplin etwas aus dem Ruder läuft. Kürzlich, bei der Teambesprechung, ging es ihm wieder so. Da stellten die Mitarbeiter der Münchner Uni-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie aktuelle Fälle vor. Seit einiger Zeit registriert Oberarzt Korte eine merkwürdige Verschiebung. Während früher hauptsächlich über Depressionen oder Essstörungen diskutiert wurde, geht es zunehmend um eine neue Patientengruppe: Heranwachsende, die sich im falschen Körper wähnen und ihr Geschlecht wechseln wollen.

Tatsächlich hat sich die Zahl der jugendlichen Geschlechtsdysphorien – so lautet die medizinische Diagnose – in München seit 2013 verfünffacht. Obwohl die Klinik neue Mitarbeiter ins Thema eingearbeitet hat, wird die Wartezeit für transsexuelle Patienten mit jedem neuen Quartal länger. Was Alexander Korte besonders irritiert: Auf seiner Patientenliste stehen derzeit vier Mädchen und ein Junge, die allesamt aus einer bayerischen Kleinstadt kommen. "Fünf Jugendliche im selben Alter und aus demselben Ort, das widerspricht jeder medizinischen Wahrscheinlichkeit", sagt der Arzt. "Es muss da andere Gründe geben."

Was steckt hinter diesem Phänomen? Warum wähnen sich immer mehr Jugendliche im falschen Geschlecht? Und sollen die Ärzte wirklich alle behandeln, die durch einen medizinischen Eingriff unverrückbare Tatsachen schaffen wollen? Um solche Fragen tobt mittlerweile eine erhitzte Debatte.

Dabei ist die Biologie meist eindeutig: Wer XX-Geschlechtschromosomen hat, ist eine Frau, Menschen mit XY sind Männer – und meist fühlen sich die Betreffenden auch so. Doch nicht immer. Für einige liegen die Dinge kompliziert: Obwohl sie Hoden haben, fühlen sie sich als Frau, andere werden mit Eierstöcken geboren und empfinden sich als Mann. Die Schätzungen, wie viele erwachsene Transsexuelle (andere sprechen von Transgender oder Transidenten) es gibt, gehen stark auseinander: Manche sagen, einer von 10.000 Menschen, andere beziffern den Anteil auf einen von 500. Die Zahlen schwanken je nach Land und sind über die Jahre moderat gestiegen.

Bei Jugendlichen aber sind die Behandlungszahlen weltweit geradezu explodiert. So wurden im "Gender Identity Development Service" der Londoner Tavistock-Klinik 2009 rund hundert Jugendliche wegen einer Geschlechtsidentitätsstörung behandelt, Mitte 2018 waren es 2500. Auch die Kliniken in Berlin, Frankfurt und Hamburg, in Amsterdam, Boston oder Melbourne melden zwei- bis dreistellige Wachstumsraten. Es ist, als ginge ein seltsames Virus um die Welt – das vor allem Mädchen erfasst. Früher gab es stets mehr Männer, die sich eine Geschlechtsangleichung zur Frau wünschten. Bei Jugendlichen hat sich das Verhältnis verschoben, und zwar länderübergreifend. "Wir behandeln mittlerweile zwischen siebzig und achtzig Prozent Transjungen, also als Mädchen geborene Jugendliche", sagt Saskia Fahrenkrug, von der Spezialambulanz am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

Weltweit stehen Experten vor einem Rätsel. Es bietet Stoff für den in vielen Ländern tobenden "Kulturkrieg" um Identität, Sexualität und Gender, wie der Economist diagnostiziert. Ist es die gewachsene gesellschaftliche Toleranz gegenüber sexueller Vielfalt, die es (weiblichen) Jugendlichen gestattet, sich zu einer anderen Geschlechtsidentität zu bekennen? Oder stecken hinter dem Trend andere Ursachen: psychische Probleme, Pubertätskrisen oder gar ein medialer Transgenderwahn? Mediziner fragen sich: Ist es verantwortbar, immer mehr Jugendlichen zu einem anderen Geschlecht zu verhelfen? Oder droht, wie Alexander Korte befürchtet, in Zukunft eine "Klagewelle von Menschen, denen wir Mediziner ihren Körper zerstört haben"?

Offiziell gilt das 16. Lebensjahr als frühestmöglicher Beginn einer gegengeschlechtlichen Therapie mit Hormonen. So steht es bis heute in den Behandlungsempfehlungen. Die Begründung: Um herauszufinden, ob das Unbehagen mit dem Geburtsgeschlecht von Dauer ist, sollte der Jugendliche sich Zeit nehmen und die Pubertät erlebt haben. Denn während dieser Phase mit ihren ersten sexuellen Fantasien und neuen körperlichen Erfahrungen kann sich im Selbstempfinden viel ändern. Mediziner wie Korte sehen hormonelle Interventionen in der frühen Pubertät deshalb bis heute kritisch.

Korte hat konkrete Zahlen auf seiner Seite. Zwar kommt es relativ häufig vor, dass Kinder mit ihrem Geschlecht hadern: Jungen tragen Kleider und spielen mit Puppen, Mädchen schneiden sich die Haare kurz und fragen ihre Eltern, wann auch sie "einen Pullermann" bekommen. Die meisten dieser Kinder – je nach Studie zwischen 70 und 90 Prozent – geben dieses "geschlechtsatypische Verhalten" jedoch irgendwann wieder auf. Manche vermeintliche "Transgenderkids" erweisen sich später als homosexuell.