Es ist immer interessant, wenn ein bedeutender Diplomat einen Blick in seine Werkzeugkiste erlaubt. Besonders aber in undiplomatischen Zeiten wie diesen, in denen selbst unter Alliierten gewaltnahe Umgangsformen wie Erpressung und Demütigung an der Tagesordnung sind.

Wolfgang Ischinger war als persönlicher Referent des Außenministers Genscher an der Wiedervereinigung beteiligt und half später in Dayton, Ohio, als Emissär Helmut Kohls, den Bosnienkrieg zu beenden. Als deutscher Botschafter in Washington (zu Zeiten George W. Bushs) und dann in London war er in jenen Momenten präsent, in denen der Westen auseinanderzubrechen begann. Seit zehn Jahren leitet er die Münchner Sicherheitskonferenz, das wichtigste außenpolitische Treffen der Welt.

Nun hat Ischinger seine Gedanken zu einem Buch geordnet, das Wege aus den vielfachen Krisen einer "Welt in Gefahr" weisen will.

Wie führt man sich als Gesandter am britischen Hof ein? Und wie bloß erringt man die Aufmerksamkeit der Queen, die schon ihren fünfzehnten deutschen Botschafter begrüßt? Ischinger erzählt, wie er sie mit Pferde-Wissen beeindruckte, das er sich eigens zu diesem Zweck angeeignet hatte.

Warum nur ist es bei Gipfeln so wichtig, bis zur absoluten Erschöpfung zu verhandeln? Es geht darum, so kann Ischinger am Bosnien-Beispiel zeigen, dass man über den Punkt hinwegkommt, an dem jeder Teilnehmer noch glaubt, er könne durch schiere Sturheit mehr für sich herausschlagen.

Diplomatie, das wird hier klar, scheut zwar keine Tricks, aber sie kann ohne ein Grundvertrauen der Partner untereinander nicht funktionieren. Das bedeutet: Vertrauen in die wechselseitige Erkennbarkeit der jeweiligen Interessen; in den Sinn eines Ausgleichs; in die Priorität des langfristigen Nutzens vor dem schnellen Gewinn; in gemeinsam akzeptierte Fakten und die Möglichkeit von Win-win-Situationen.

Dieses Grundvertrauen ist zurzeit überall gefährdet – nicht nur zwischen Mächten, die sich ohnehin als Gegner wahrnehmen wie etwa die USA und China. Es schwindet selbst in Europa zwischen engen Partnern: Man denke nur an die stockenden Brexit-Verhandlungen, an das deutsch-polnische Verhältnis (wo wieder von Reparationen die Rede ist) oder an die suizidale Erpressungspolitik der italienischen Populisten gegenüber Brüssel. Der Autor spricht diesen Gedanken nicht aus, aber das ist es, was seinem Buch die Dringlichkeit gibt: das bohrende Gefühl, dass die Methode Ischinger in einer Welt voller Bullies, deren Anführer der US-Präsident ist, vielleicht nicht mehr funktioniert.

Was tun? Am stärksten ist Ischingers Buch gegen Ende, wo er für eine Vergemeinschaftung der europäischen Außen- und Sicherheitspolitik plädiert, getreu dem Motto, dass es in Europa heute nur zwei Sorten von Ländern gebe: kleine Länder und solche, die noch nicht gemerkt haben, dass sie kleine Länder sind. Für Deutschland gilt das laut Ischinger auch. In den Krisen der vergangenen Jahre hätten die Deutschen oft den Kurs festgelegt und andere Länder dabei gemaßregelt. Jetzt gelte es, umzuschalten und in Europas Zusammenhalt zu investieren: "Was hätten wir von der Schwarzen Null, wenn die EU-Zentrifugalkräfte siegen und die EU wieder in eine Gruppierung von Nationalstaaten zurückfallen sollte?" Wolfgang Ischinger fordert, solche existenziellen Fragen der Außenpolitik endlich ins Zentrum der deutschen Debatte zu rücken.

Wolfgang Ischinger: Welt in Gefahr. Econ Verlag, Berlin 2018; 304 S., 24,– €