Vor seinem Besuch in Berlin kommende Woche empfängt der Premier in seinem Amtssitz in Kiew. Das Gespräch findet auf Russisch statt. "Wir haben kein Problem mit der russischen Sprache, sondern mit russischen Soldaten in unserem Land", sagt Hroisman.

DIE ZEIT: Diese Amtszeit wird vermutlich Angela Merkels letzte sein. Haben Sie Angst, dass Ihnen eine gute Verbündete verloren geht?

Wolodymyr Hroisman: Was Angela Merkel 2014 für die Ukraine getan, wie sie die russische Aggression aufgehalten hat, ruft bei uns größte Bewunderung hervor. Wir halten sie für eine große Freundin der Ukraine.

ZEIT: Kommt nun das Ende dieser Freundschaft?

Hroisman: Ich hoffe, dass die Beziehungen auch in Zukunft eng und partnerschaftlich sein werden – und dass sie auf Werten beruhen. Die Ukraine spielt heute eine wichtige Rolle bei der Verteidigung der Demokratie in Europa und bei der Abwehr der Aggression, die Russland praktisch gegen die ganze Welt entfesselt hat. Russland hat uns angegriffen, weil wir unsere Zukunft in Europa sehen.

ZEIT: Vor fünf Jahren begann der sogenannte Euro-Maidan. Spricht man heute mit den Aktivisten von damals, dann sind sie enttäuscht und frustriert. Verstehen Sie das?

Hroisman: Die Herausforderungen damals vor fünf Jahren waren beispiellos. Wir waren fast bankrott, ein Fünftel der Wirtschaft brach weg, dazu kam die russische Aggression. Wir standen vor dem Zusammenbruch, und doch sind wir stärker geworden. So vieles verändert sich. Auch ich wünschte mir, dass es schneller ginge. Aber das hängt auch vom politischen Willen jener ab, die Macht haben und entscheiden.

ZEIT: Wen meinen Sie damit?

Hroisman: Ohne das Parlament können wir kaum etwas verändern. Wir reformieren nicht einfach, wir bauen einen neuen Staat. Das ist unvorstellbar schwierig! Von der Dezentralisierung über die Reform des Gesundheitssystems, des Energiesektors, der Verwaltung der Staatsbetriebe, der Gerichte bis hin zu den Antikorruptionsgesetzen und der Privatisierung. Alle diese Reformen geschehen zeitgleich!

ZEIT: Die Aktivisten, unter ihnen politische Oppositionelle oder Antikorruptionskämpfer, sagen: Es gab seit 2017 mehr als 55 Angriffe auf uns, und niemand wurde verurteilt. Wir fühlen uns nicht geschützt.

Hroisman: Es ist absolut nicht hinnehmbar, wenn staatliche Institutionen dabei versagen, dass sich eine Gesellschaft sicher fühlt. So etwas darf es nicht geben. Ich bin davon überzeugt, dass der Staat größtes Interesse daran hat, keine Gewaltanwendung gegenüber den Aktivisten und in der Gesellschaft zuzulassen. Auch das ist eine Herausforderung.

ZEIT: Erst vor Kurzem starb die Aktivistin Katja Handsiuk nach einem Säure-Angriff.

Hroisman: Die Polizei hat fünf Verdächtige festgenommen. In dem Fall macht sie ihre Arbeit. Es passiert auch Positives. Noch vor drei, vier Jahren hatten wir eine sowjetische Polizei, die entsprechend handelte, nun haben wir eine ukrainische. Wir müssen mit den Reformen weitermachen.

ZEIT: Gibt es Kräfte, die diese Reformen bremsen?

Hroisman: Zweifellos. Wenn du reformierst, dann kämpfst du: gegen das alte System, gegen den Populismus, gegen die Ineffizienz.

ZEIT: Gegen die Oligarchen?

Hroisman: Auch gegen die, noch mehr aber gegen die Monopole. Das ist kein Spaziergang.

ZEIT: Kämpfen Sie manchmal auch gegen Präsident Petro Poroschenko?

Hroisman: Ach nein, da gibt es keinen Kampf.