Fast eineinhalb Jahre ist es her, dass der französische Präsident Emmanuel Macron seine Vision für Europa erstmals beschrieb. Eine Vision von mehr Solidarität, höheren Ausgaben und klarer Kante gegen Amerika, die er mit den Deutschen gemeinsam umsetzen wollte.

Ebenso lange hat Angela Merkel mit ihrer Regierung gezögert, taktiert, verschoben. Die Berliner machten den Eindruck, als sei ihnen der Vorstoß von der anderen Seite des Rheins einfach nur lästig. Sie ließen Macron warten, obwohl der sichtlich auf die Kooperation setzte und politisches Kapital riskierte. Und obwohl ein besserer französischer Partner als der entschlossene Reformer für die Deutschen kaum denkbar war. In Paris könnte auch die Populistin Marine Le Pen regieren.

Der deutsche Gegenvorschlag ist reine Defensivarbeit. Berlin geht nur so weit auf Paris zu, wie es unbedingt muss, um den Anschein von Gemeinsamkeit zu wahren. Ohne viel Geld. Ohne viel Vertrauen.

Ein neues, eigenes Budget für die Euro-Zone? Ja, aber bitte unter dem Dach der EU und ganz klein. Konjunkturhilfen für gefährdete Euro-Staaten? Gibt es auch – aber versehen mit tausend Bedingungen. Und Macrons Herzenswunsch, eine Digitalsteuer gegen Amerikas Internetkonzerne? Könnte kommen, aber frühestens nächstes Jahr.

Damit arbeiten sich die Deutschen ausschließlich an den französischen Vorgaben ab – statt Europa zu diskutieren und eigene Antworten zu konzipieren, die der Union und ihnen selbst guttäten. Ganz so, als sei eigenständiges Denken in Berlin verboten.

Das Ergebnis ist absehbar: Beide Seiten quälen sich zu einem Kompromiss, der erhebliche Folgen zeitigen kann. Konjunkturhilfen für notleidende Länder werden von der Ausnahme zum Prinzip erhoben. Die Kriterien dafür können noch so hart formuliert sein – die Mitgliedsländer werden schon Wege finden, die Milliarden zu ergattern. Genau lässt sich ein sogenannter ökonomischer Schock, der von außen kommt, nie von nationalen Versäumnissen in der Wirtschaftspolitik trennen.

Auch die Digitalsteuer würde ein neues Prinzip in Europa einführen: nämlich Firmenumsätze im Ausland ebenda zu besteuern. Im Interesse des Exportweltmeisters Deutschland, dessen Firmen mehr aus- als einführen, kann eine solche Steuer gar nicht sein. Ganz egal, wie sehr man es Trump mal zeigen möchte.

Europa braucht nicht genau diese Maßnahmen, wohl aber deutsche Solidarität und alternative Ideen.

Wie wäre es mit einer europäischen Sozialkasse für Jugendliche in Armut, damit auch die krisengeschüttelten EU-Bürger einmal merken: Brüssel kümmert sich um uns? Auch ein groß angelegtes Digitalprogramm wäre im Sinne Europas. Ein öffentlicher Wagniskapitalfonds könnte Start-ups fördern, eine gemeinschaftliche Internetagentur den Bürgern einen Ort geben, an dem sie souverän ihre Daten verwalten und vermarkten können.

Natürlich gäbe es da viel zu diskutieren. Doch genau das geschieht merkwürdigerweise nicht in Berlin. Deutschland verweigert die Kreativität.