DIE ZEIT: Herr Bäte, wir sitzen hier in der Führungsetage der Allianz in München, hierher kommt man nur, wenn man den holzgetäfelten Fahrstuhl mit einem Schlüssel betätigt. Nach vorn gehen die Fenster auf die verkehrsberuhigte Königinstraße, nach hinten auf den Englischen Garten. Wenn Sie von hier aus in die Welt blicken, wie nehmen Sie diese Welt wahr?

Oliver Bäte: Ich bin nicht so viel hier – zwei, zweieinhalb Tage die Woche. Den Rest der Zeit bin ich draußen in der Welt. Wir sind kein deutsches Unternehmen mit Auslandsniederlassungen mehr, sondern ein global aufgestelltes Unternehmen. Das überrascht die Menschen immer noch.

ZEIT: Aber meine Frage war, wie Sie die Welt persönlich wahrnehmen, in der Sie leben.

Bäte: Ich bin Optimist. Wenn ich morgens aufstehe, freue ich mich auf den Tag. Eine solche Aufgabe wäre ansonsten sehr schwierig zu meistern. Mit dieser Geisteshaltung, eingebettet in einen starken Vorstand und eine sehr leistungsstarke Organisation, bewerte ich die Risiken, die es in dieser Welt gibt und die im Moment permanent steigen.

ZEIT: Sie sind ja nicht nur Vorstandsvorsitzender, sondern auch ein politisch denkender Mensch, Familienvater. Und von dem wollte ich wissen: Was ist das für eine Welt?

Bäte: Es ist eine Welt voller Unsicherheiten in allen Lebenslagen, technologisch, sozial, politisch. In der Entscheidungstheorie gibt es eine Regel, nach der man sich fragen soll: Was sind die Entscheidungen, die in allen möglichen Szenarien richtig sind? Als Familienvater könnten Sie sagen: In die Bildung meiner Kinder zu investieren ist in jedem Fall richtig.

ZEIT: Von Politikern hört man seit einiger Zeit in vertraulichen Gesprächen immer wieder, die Dinge veränderten sich so schnell, dass sie den Bürgern eigentlich sagen müssten: Wir wissen auch nicht, was die Lösung ist. Könnte man Ihre Regel aus der Entscheidungstheorie auf die Politik anwenden?

Bäte: Ich bin froh, dass ich kein Politiker sein muss. Die psychologische Frage ist: Wie geht man mit der Unsicherheit der Umwelt um? Da habe ich auch persönlich noch ganz viel zu lernen. Es gibt viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich Sorgen machen um ihre Familie, um ihre Kinder. Die müssen wir emotional besser stärken, indem wir sagen: Wir haben auch nicht alle Antworten, aber gemeinsam werden wir eine Lösung für uns, für unser Unternehmen finden. Ich muss allerdings sagen: Die Menschen in unserer Gesellschaft werden auch künstlich verunsichert, weil wir alles permanent problematisieren. Das ist ein typisch deutsches Phänomen: the German angst. Jede Art von Veränderung ist in Deutschland erst mal ein Problem. Ich bin in Amerika zur Universität gegangen, da war Veränderung immer erst mal eine Chance.

ZEIT: Die Amerikaner haben so wenig Angst, dass sie Donald Trump gewählt haben, Herr Bäte!

Bäte: Ja, 26 Prozent der stimmberechtigten Amerikaner haben das gemacht.

ZEIT: Aber es hat gereicht! Und ist das nicht der Beweis dafür, dass die Angst auch in der amerikanischen Gesellschaft grassiert?

Bäte: Absolut! Das wirkliche Problem ist, dass der amerikanische Traum – sich nämlich durch eigene Arbeit gesellschaftlich nach oben zu bewegen – für viele nicht mehr erfüllbar ist. Der Zugang zu Bildung wird immer stärker begrenzt. Wir haben in Europa und in Deutschland, da bin ich auch ganz stolz drauf, eine soziale Marktwirtschaft. Wir haben die wirtschaftliche Polarisierung zwischen der Spitze und dem Rest der Gesellschaft nicht zugelassen. Es wird ja immer behauptet, in Deutschland habe die Polarisierung so zugenommen. Das stimmt einfach nicht. Wir haben immer dieses eine Prozent der Bevölkerung, das im Wesentlichen zwanzig Prozent des Vermögens kontrolliert. Das ist seit Ende der Neunzigerjahre stabil.

ZEIT: Wahrscheinlich wird das Vermögen der Superreichen aber unterschätzt. In Wirklichkeit könnte der Anteil deutlich höher liegen.

Bäte: Ja, aber eine Polarisierung wie in Amerika hat es bei uns nicht gegeben. Wo wir in Deutschland wirklich noch besser werden können, ist beim Thema Bildung, bei der sozialen Migration.

ZEIT: Gibt es denn so etwas wie einen deutschen Traum? Ist der Aufstieg bei uns nicht auch schwer genug?

Bäte: Er ist möglich, aber wir müssen uns anstrengen, damit uns nicht das passiert, was in Amerika stattgefunden hat, vor allem nämlich die Verlagerung von gut bezahlten Jobs im Mittelstand nach Asien.