ZEIT: Was die Chancengleichheit anbelangt: Seitdem ich Vater bin, hat sich da mein Empfinden verändert. Mein Kind hat den Sprung aufs Gymnasium zwar geschafft, aber auch weil es Eltern hat, die bei den Hausaufgaben helfen und Nachhilfestunden bezahlen können. Ich sehe Mitschülerinnen und Mitschüler, die diese Möglichkeiten nicht haben. Da wird in den meisten Bundesländern schon nach der vierten Klasse gesiebt.

Bäte: Meine Mutter hat 30 Jahre lang an einer Hauptschule unterrichtet, mit sehr vielen Kindern mit Migrationshintergrund. Sie hat auch nach ihrer offiziellen Pensionierung an der Volkshochschule nachmittags türkische Mädchen betreut. Die würde Ihnen sofort zustimmen. Sie würde aber sagen, es ist keine Frage des Aussiebens, sondern der Ressourcenausstattung unserer Schulen. Faktisch fusionieren die Aufgaben von Lehrern und Sozialarbeitern, und die Lehrer müssten viel umfassender ausgebildet werden. Meine Mutter würde sogar noch einen Schritt weiter gehen: Wir konzentrieren uns immer auf die Wählerstimmen, also auf die alten Leute. Die Jungen, die Kinder, die vergessen wir so häufig.

ZEIT: Es gibt noch viele andere Ungerechtigkeiten: Finden Sie es gerecht, dass sich ein normaler Angestellter bei der Allianz keine Wohnung in München leisten kann?

Bäte: Gerechtigkeit ist für mich ein marxistischer Begriff. Ich weiß nicht, was das ist.

ZEIT: Gerechtigkeit ist ein sehr christlicher Begriff! Und es war ein Thema der Aufklärung.

Bäte: Aber was einer als gerecht oder ungerecht empfindet, ist sehr subjektiv. Ich glaube, es gibt viele Menschen, die sagen: Der Bäte verdient viel zu viel Geld, das ist ungerecht. Was ist denn gerecht? Und wer definiert das? Aber: Die Wohnungsnot, die Sie beschreiben, die gibt es. Noch viel schlimmer ist, was dadurch entsteht. Weil die Leute hier keine Wohnung finden, müssen sie weit vor die Stadt ziehen. Die Autobahnen rund um München sind morgens voll. Das heißt, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind zum Teil schon erschöpft, wenn sie zur Arbeit kommen, weil sie lange Anreisewege haben.

ZEIT: Wenn das Wort Gerechtigkeit für Sie marxistisch konnotiert ist, wie würden Sie den Begriff denn ersetzen?

Bäte: Was sich dahinter verbirgt, ist ein Interessenausgleich. Ich glaube, man kann sich schon die Frage stellen, wie zum Beispiel in den Innenstadtlagen Münchens der Mix zwischen Gewerbe- und Wohnraum sein sollte. Da muss man planerisch tätig werden. Aber ich bin kein Politiker, deswegen maße ich mir nicht an, das besser zu können als unser Oberbürgermeister Reiter.

ZEIT: Sie haben eben selbst davon gesprochen, dass es viele Menschen gibt, die sich die Frage stellen, ob der Bäte nicht viel zu viel verdient. Was würden Sie denen denn sagen? 2017 haben Sie knapp fünf Millionen Euro bekommen.

Bäte: Es gibt auch dafür keinen objektiven Maßstab – außer dass man vergleichen kann, was Menschen mit einer ähnlichen Aufgabe verdienen. Das entscheidet ja der Aufsichtsrat, nicht ich persönlich. Es gibt Gutachter, die beurteilen, ob das, was der Bäte verdient, eigentlich gerecht ist, relativ zu anderen Unternehmen, sowohl in der Höhe als auch in der Struktur des Gehalts. Mit den Ergebnissen befinden wir uns innerhalb des Dax ziemlich im Mittelfeld – also weit unterhalb dessen, was man sagen könnte, wenn man die Größe der Allianz und ihre Bedeutung berücksichtigt. Und das ist total okay.

ZEIT: Können Sie, wenn Sie das Wort Gerechtigkeit nicht so mögen, mit dem Wort Gerechtigkeitsempfinden etwas anfangen?

Bäte: Ja, viel.

ZEIT: Können Sie nachvollziehen, dass das Gerechtigkeitsempfinden vieler Menschen in Deutschland empfindlich verletzt worden ist durch die hohen Gehälter von Vorstandsvorsitzenden, die, wenn es schiefgeht, trotzdem ganz andere Konsequenzen zu tragen haben als ihre Mitarbeiter? Die Angestellten verlieren ihren Arbeitsplatz, aber die Chefs haben in ein paar Jahren so viel verdient, dass sie für den Rest ihres Lebens ausgesorgt haben.

Bäte: Ja, das kann ich sogar sehr gut nachvollziehen. Damit werde ich auch konfrontiert, weil ich sozusagen aus einer anderen sozialen Aufstellung komme. Meine Freunde sind Friseure, Restaurantbetreiber, Mediziner. Da wird man regelmäßig angesprochen ...

ZEIT: Sie meinen, dort, wo Sie leben, in Köln?

Bäte: Ja. Die kommen auch sehr stark auf die Finanzkrise zu sprechen. Die fragen: Wie kann es eigentlich sein, dass der CEO, der bei Lehman Brothers die größte Finanzkrise der Geschichte ausgelöst hat, nicht persönlich zur Verantwortung gezogen werden konnte? Man hat’s ja versucht. Aber wie kann das sein? Das kann ich sehr gut nachvollziehen.

ZEIT: Es regt die Leute auch auf, wenn sie lesen, dass der frühere VW-Chef Martin Winterkorn, der 2015 wegen des Abgasskandals zurücktreten musste, angeblich noch 3.100 Euro Rente pro Tag bekommt.

Bäte: Ich würde ungern auf den konkreten Fall eingehen, weil ich den nicht beurteilen kann. Wir versuchen bei der Allianz schon, Verantwortung für Leistung und Nichtleistung konsequent umzusetzen, auch in unseren Vergütungssystemen.